Ruhiges Porträt von Anna mit seitlichem Blick in Innenraum.

Nicht alles ist ein Kulturkampf

· 2 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

Über Dauerempörung, Lagerdenken und die Sehnsucht nach Maß.

Ich habe seit Jahrzehnten kein Feuerwerk gekauft.
Nicht aus Protest, nicht aus Moral, sondern weil es mir schlicht egal ist.
Einmal habe ich es doch getan – für einen neuen Mitarbeiter aus Ägypten, der Anschluss brauchte. Danach nie wieder.

Mein Geld ist sonst eher in Alkohol und Gras geflossen. Keine Heldengeschichte, keine Botschaft. Einfach Leben.

Was mich inzwischen müde macht, ist nicht das Feuerwerk.
Es ist das Dauergetöse darum.

Auf der einen Seite moralisches Dauerfeuer:
Wer böllert, ist rücksichtslos, asozial, unaufgeklärt.
Auf der anderen Seite der empörte Gegenchor:
Die Grünen verbieten alles, unsere Kultur wird zerstört, früher war Freiheit.

Beide Seiten schreien. Beide Seiten vereinfachen.
Und beide Seiten tun so, als wäre das die wichtigste Frage unserer Zeit.

Das Muster ist immer gleich.
Feuerwerk. Autos. Fleisch. Gender. Klima. Israel. Palästina.

Ein reales Thema – sofort Lagerbildung – moralische Totalurteile – Endlosschleife.
Kaum Abwägung, kaum Kontext, kaum Zuhören.
Aber viel Lautstärke.

Mich erschöpft das.

Nicht, weil mir alles egal wäre.
Sondern weil nicht jedes Thema ein identitärer Stellungskrieg sein muss.

Man kann Dinge problematisch finden, ohne sie zu missionieren.
Man kann Traditionen kritisch sehen, ohne sie heiligzusprechen.
Man kann zu komplexen Konflikten keine einfache Parole haben – und trotzdem nicht herzlos sein.

Gerade beim Thema Israel und Palästina wird das deutlich.
Ein historisch, politisch und menschlich hochkomplexer Konflikt wird auf Social-Media-Slides heruntergebrochen.
Wer nicht sofort Position bezieht, gilt als verdächtig.
Wer schweigt, als schuldig.

Das erzeugt keine Solidarität.
Das erzeugt Dauerstress.

Was mir fehlt, ist nicht Meinung.
Was mir fehlt, ist Maß.

Ich habe kein Bedürfnis, jede Woche einen neuen moralischen Bürgerkrieg auszutragen.
Ich möchte nicht permanent gezwungen werden, mich zu allem zu positionieren, zu allem zu äußern, zu allem zu empören.

Das ist kein Rückzug aus Verantwortung.
Das ist eine Grenze gegen Dauerlärm.

Man darf sagen:
Das Thema ist komplex.
Ich weiß es nicht abschließend.
Ich halte das Gekreische gerade nicht mehr aus.

Und vielleicht ist genau das im Moment die ehrlichste Haltung.

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