Grafik mit unscharfem Screenshot eines Blog-Kommentars im Hintergrund. Darüber steht der Text „Kontrafaktische Weltanschauung? Ein Kommentar, den ich nicht freischalte“.

Wenn meine Existenz angeblich kontrafaktisch ist

· 6 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

1. Kontext: Was passiert, wenn man dokumentiert

Vor kurzem habe ich auf meinem Blog dokumentiert Blog dokumentiert, wie eine bestimmte Person – Montserrat Varela – über mich auf X schreibt:

mit Misgendern, Fetisch-Zuschreibungen und Pranger-Mechanismen gegenüber meinem politischen Engagement.

Der Beitrag ist sachlich, zeigt Original-Tweets, ordnet sie ein und beschreibt, warum ich diese Äußerungen als transfeindlich erlebe.

Wenige Stunden nach Veröffentlichung ist etwas passiert, das kaum symbolischer sein könnte:

Montserrat Varela hat mir einen Kommentar auf dem Blog hinterlassen.

Ich habe ihn nicht freigeschaltet – aber ich dokumentiere ihn hier, weil er das Muster ihrer Argumentation noch klarer zeigt als ihre Tweets.

2. Der Kommentar im Wortlaut

Hinweis: E-Mail-Adresse und technische Details (IP etc.) habe ich geschwärzt. Es geht um den Inhalt, nicht um ihre privaten Daten.

Screenshot eines WordPress-Kommentars von „Montserrat Varela“. Der Text spricht von „kontrafaktischen Weltanschauungen“, behauptet, ich sei nicht und werde nie eine Frau sein, und bezieht sich auf ein angebliches Urteil des Landgerichts München zur Bezeichnung „TERF“.

3. Was in diesem Kommentar steckt

Der Kommentar ist ein kleines Konzentrat der Argumentation, die ich schon in den X-Tweets dokumentiert habe. Drei Punkte stechen heraus:

3.1 Falsche Behauptung: „LG München hat TERF als Beleidigung eingestuft“

Varela schreibt:

„Die Bezeichnung ‚Terf‘ gegen Frauen wurde vom Landgericht München auch als Beleidigung eingestuft (Fall Inge Bell).“

Die Fakten dazu:

  • Im sogenannten Fall Inge Bell gab es ein Säumnisurteil im Zivilrecht, weil die Gegenseite (Maike Pfuderer) nicht zum Termin erschienen ist.
  • Das Landgericht München I hat den Begriff „TERF“ nicht inhaltlich als Beleidigung bewertet, sondern mangels Erscheinens schlicht den Unterlassungsantrag durchgewunken.
  • Es ist kein Grundsatzurteil, kein „Präzedenzfall“, schon gar kein strafrechtliches Verdikt gegen das Wort „TERF“.

Und selbst wenn es das wäre:

Ich habe Varela nirgends im Blog, auf Facebook oder auf LinkedIn als „TERF“ bezeichnet.

Das Wort kam nur in einem Threads-Post allgemein über TERFs vor – ohne Namensnennung.

Sie beruft sich also auf ein Urteil, das so nicht existiert, und leitet daraus einen Schutzanspruch gegen etwas ab, das ich tatsächlich gar nicht getan habe.

3.2 Absprechen meiner Identität als „kontrafaktische Weltanschauung“

Der zentrale Satz aus dem Kommentar:

„In Ihrem Fall Ihr Glaube, dass Sie wären, was ich bin und überhaupt jede Frau ist. Sind Sie nicht und werden es nie sein.“

Damit passiert zweierlei:

  1. Mein Frau-Sein wird als „Glaube“ markiert, als „kontrafaktische Weltanschauung“.
  2. Mir wird zugesprochen, ich sei „nicht und werde es nie“ – also eine pauschale, endgültige Leugnung meiner geschlechtlichen Identität.

Das ist kein Missverständnis und kein scharfes Argument, das ist eine klare Botschaft:

„Du bist keine Frau. Du warst es nie. Du wirst es nie sein. Und dass du es behauptest, beleidigt mich.“

Genau dieses Muster – Misgendern plus moralische Überhöhung zur „Würde der Frau“ – habe ich im ersten Beitrag beschrieben. Der Kommentar bestätigt es schwarz auf weiß.

3.3 Täter-Opfer-Umkehr über „Würde der Frau“ und „Religionsfreiheit“

Besonders bemerkenswert ist diese Passage:

„Diese Behauptung ist eine Beleidigung und Verstoß gegen die Würde der Frau.“

Damit dreht sie die Rollen um:

  • Nicht ihre Aussagen über mich seien das Problem,
  • sondern mein Bestehen auf meiner Identität als Frau sei eine Beleidigung „der Frau“ als abstrakter Kategorie.

Das wird dann mit einem sehr freien Verständnis von Religionsfreiheit kombiniert:

„…was auch kontrafaktischen Weltanschauungen einschließt.“

Übersetzt: Sie beansprucht, aus „weltanschaulichen“ Gründen zu glauben, ich sei keine Frau – und stellt das als Schutzschild gegen Kritik dar.

Mein Problem damit ist nicht, dass sie persönlich ein Problem mit mir hat.

Mein Problem ist, dass hier eine Haltung sichtbar wird, die einem Teil von uns Frauen – nämlich trans Frauen – den Status „Frau“ grundsätzlich abspricht und das als moralische Pflicht verkauft.

4. Warum ich den Kommentar nicht freischalte

Es gibt Leute, die sagen: „Wenn du transfeindliche Kommentare dokumentierst, solltest du sie doch auch freischalten, wegen Debattenkultur etc.“

Ich sehe das anders.

  • Mein Blog ist kein Gericht, kein offenes Forum und keine Bühne für transfeindliche Argumentationsketten.
  • Ich muss nicht zulassen, dass in meinem eigenen Kommentarbereich Texte stehen, die mir meine Identität absprechen und mich als „kontrafaktische Weltanschauung“ abwerten.
  • Ich schütze damit nicht nur mich, sondern auch Leser*innen, die solche Texte nicht kommentarlos vor der Nase haben müssen.

Darum:

  • Der Kommentar bleibt nicht freigeschaltet,
  • aber dokumentiert – hier, mit Kontext, Einordnung und dem Hinweis, was daran problematisch ist.

5. Ein persönlicher Moment am Rand

Nach dem ersten Blogpost bekam ich eine Nachricht von einer Freundin, die sich Varelas Auftritt angeschaut hatte:

„Für mich bist du eine Frau. Und du bist gut, so wie du bist.“

Das hat mich sehr berührt – nicht, weil ich Bestätigung „von außen“ brauche, sondern weil es den Kern trifft:

Es geht nicht darum, wer „hübscher“ ist oder wessen Profilbild wem besser gefällt.
Es geht darum, dass mein Status als Frau nicht davon abhängt,

  • ob Montserrat Varela ihn anerkennt,
  • ob TERFs mich „okay“ finden,
  • oder ob irgendjemand meine Körperform als „würdig“ einstuft.

Ich bin eine Frau, weil ich eine Frau bin.

Das ist keine „kontrafaktische Weltanschauung“, sondern meine Realität – rechtlich, biografisch, sozial.

Dass eine Person versucht, mir das mit pseudojuristischen und pseudoreligiösen Argumenten abzusprechen, sagt mehr über ihre Welt als über meine.

6. Und jetzt?

Ob ich gegen Varela juristisch vorgehen werde oder nicht, ist offen und hängt von vielen Faktoren ab – nicht zuletzt von meinen eigenen Kräften.

Klar ist für mich:

  • Ich werde solche Texte nicht akzeptieren, ohne sie zu benennen.
  • Ich werde mich nicht von Leuten aus dem demokratischen Engagement drängen lassen, die Parteien nach „Körperfantasien“ sortieren.
  • Und ich werde weiter dokumentieren, wie transfeindliche Argumentationsmuster aussehen – auch dann, wenn sie im Gewand von „Frauenwürde“ und „Religionsfreiheit“ daherkommen.

Update vom 14. Februar 2026: Selbstbezeichnung als TERF

In ihrem Kommentar auf meinem Blog verweist Montserrat Varela auf den „Fall Inge Bell“ und behauptet, die Bezeichnung „TERF“ sei vom Landgericht München als Beleidigung eingestuft worden. Das soll offensichtlich einschüchtern: Wer so etwas sagt, riskiert angeblich hohe Ordnungsgelder.

Zum Valentinstag habe ich mir ihr aktuelles Titelbild auf X noch einmal angesehen. Dort zeigt sie ein weißes Venussymbol auf lila Hintergrund, unten die Buchstaben „erf“ – also klar als „TERF“ lesbar – dazu ein spanisches Zitat:

> „Porque mi voluntad es tan fuerte como la tuya y mi reino igual de grande.
> ¡No tienes poder sobre mí!“

Übersetzt:

> „Denn mein Wille ist so stark wie deiner und mein Reich genauso groß. Du hast keine Macht über mich!“

Mit anderen Worten: Sie inszeniert sich selbstbewusst als TERF-Akteurin und nutzt den Begriff sichtbar als eigenes Label.

Das passt wenig zu der Behauptung, „TERF“ sei eine unzulässige Beleidigung, die man nicht verwenden dürfe. Vor allem, weil ich sie in meinen Beiträgen nirgends so bezeichnet habe – ich dokumentiere ihre eigenen Aussagen und ihre Selbstdarstellung.

Wenn jemand sich freiwillig mit einem TERF-Symbol schmückt, ist es schwer glaubhaft zu machen, dass schon die Benennung dieser Haltung eine unzumutbare Kränkung wäre.

Screenshot des X-Profils von Montserrat Varela Navarro. Oben das Titelbild mit Venussymbol und „erf“-Beschriftung sowie spanischem Zitat, darunter ihr Profilfoto und die Profilangaben als Übersetzerin und Frauenrechtlerin mit Standort München.
Screenshot
Titelgrafik von Montserrat Varela auf X. Links ein weißes Venussymbol auf lila Hintergrund mit der Beschriftung „erf“ (als „TERF“ lesbar), rechts ein spanischer Text auf gelbem Hintergrund: „Porque mi voluntad es tan fuerte como la tuya y mi reino igual de grande. ¡No tienes poder sobre mí!“.
Screenshot

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