Trans Frau im Bademantel nach einem Saunatag in der Therme Bad Wörishofen, ruhiges Porträt in der Umkleide
Nach sechs Stunden Sauna: warm, ruhig und einfach angekommen.

Erstes Mal textilfrei – und es war einfach normal

· 3 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

Im Januar 2023 war ich zuletzt in der Therme Bad Wörishofen. Damals war ich gerade einmal dreieinhalb Monate auf Hormonen, hatte kurze blondierte Haare und war noch im Männerbereich unterwegs. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als mein Enby angeschnauzt wurde, was „die Frau“ im Männerklo zu suchen habe. Es war unangenehm. Und es hat sich tief in mir abgespeichert.

Heute, drei Jahre später, bin ich wieder dort gewesen. Offiziell als Frau. Post-OP. Mit all den Erfahrungen, Zweifeln und Hoffnungen, die in diesen Jahren passiert sind.

Ich hatte keine Panik. Aber dieses leise „Was, wenn …?“ war da.

Was, wenn jemand starrt?

Was, wenn jemand etwas sagt?

Was, wenn ich mich plötzlich wieder falsch fühle?

Und dann sind wir einfach rein. Haben uns umgezogen. Sind gemeinsam duschen gegangen. Waren bei drei Aufgüssen. Sind die Treppen in den Pool hinuntergegangen, bei denen man durch die Architektur zwangsläufig alles zeigt. Haben nebeneinander im Bademantel gesessen. Haben uns geküsst. Waren einfach verliebt.

Zwei Frauen nach dem Umziehen in der Therme Bad Wörishofen, sichtbar entspannt vor ihr Saunatag
Vor dem ersten Aufguss – ein ganz normaler Pärchentag.

Es gab einen Moment, in dem ein Mann möglicherweise etwas Abwertendes murmelte – ich habe es nicht klar gehört. Seine Partnerin sagte nur ruhig: „Lass doch gut sein, können doch alle machen, was sie wollen.“ Das war alles.

Ein älterer Herr grinste etwas zu lange. Auch das gehört vermutlich zum Sauna-Alltag.

Und sonst?

War da Wärme.

Ruhe.

Normalität.

Niemand hat uns angesprochen. Niemand hat uns infrage gestellt. Niemand hat unser Glück gestört.

Später sind wir noch in den Textilbereich gewechselt. Ich habe meinen Badeanzug angezogen – und plötzlich war da ein interessanter Bruch: Ab diesem Moment hat mich wirklich niemand mehr interessiert. Keine Blicke, kein inneres Scannen, kein Gefühl von Bühne.

Ich war einfach eine Frau im Badeanzug.

Und vielleicht war ich das im textilfreien Bereich die ganze Zeit schon – nur mein Kopf hatte es noch nicht ganz geglaubt.

Nach sechs Stunden Therme saß ich im Zug nach Hause, müde, weich, zufrieden – und vor allem erleichtert. Nicht, weil ich etwas „überstanden“ hätte. Sondern weil ich gemerkt habe: Es ist einfach normal.

Manchmal ist Heilung nicht laut. Sie kommt nicht mit Applaus oder großen Gesten. Manchmal bedeutet sie nur, dass nichts Besonderes passiert. Dass man da sein darf. Dass man sich küssen darf. Dass man gemeinsam duschen darf. Dass man als Paar durch einen öffentlichen Raum geht – und es ist einfach okay.

Ich weiß, wie groß diese Hürde im Kopf sein kann. Deshalb schreibe ich das hier. Vielleicht sitzt irgendwo gerade eine Frau mit genau diesem leisen „Was, wenn …?“ im Hinterkopf.

Meine Erfahrung war: Die Angst war größer als die Realität.

Und am Ende blieb vor allem eines:

Ein wunderschöner Pärchentag. Und sehr viel Liebe.

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3 Kommentare zu “Erstes Mal textilfrei – und es war einfach normal”

  1. Wow!!! Ich als Mann frage mich gerade ob ich es als angemessen empfinden würde wenn auf so einen mutigen!! und tollen Post das „andere“ Geschlecht ohne Umwandlung und alles was damit zusammen hängt hier etwas antworten würde und was empfinden würde komme aber nicht auf eine für mich befriedigende Antwort.
    Ich kann nicht annähernd nachempfinden was es für ein Gefühl ist wenn man sich nicht im eigenen Körper fühlt und was man denkt wenn es Menschen gibt, die einen dafür verurteilen, aber ich habe immer nach dem Motto gelebt:
    Ich kann die Gedanken der Anderen nicht steuern und ich will/kann mich nicht ändern „nur“ damit der/die Andere es als angenehm empfindet (man kann ja weg schauen).
    Ich glaube viele Menschen die dich und deine Posts und Offenheit kritisieren sind insgeheim neidisch und eifersüchtig, weil sie selbst niemals den Mut und die Courage hätten sich gegen diese Widerstände durchzusetzen.
    💛💜🤎💙💚

    • Danke dir.
      Du beschreibst etwas Wichtiges: Man kann nicht alles nachempfinden – aber man kann Haltung zeigen.
      Mir geht es nicht um Mut, sondern um ein normales Leben im eigenen Körper.
      Wenn das für manche schon als „mutig“ wahrgenommen wird, zeigt das vielleicht, wie ungewohnt Offenheit in diesem Thema noch ist.

  2. Liebe Anna
    Ich freue mich sehr für dich. Unser Mut bringt die Gesellschaft weiter, deshalb ist es so wichtig, dass wir uns nicht verstecken.
    Ganz herzliche Grüsse aus Bern.
    Marcielle Biedermann

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