Anna Görlitz mit einem Glas Sekt vor einem beleuchteten Foto des Münchner Marienplatzes
Heute: Ich bei der Eröffnung einer Lounge im MTZ – vor einem beleuchteten Foto des Münchner Marienplatzes. Mein Leben als Frau ist heute selbstverständlich. Der Weg dorthin begann viele Jahre früher.

Trans Generationen: Meine Internet-Anfänge

· 5 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

Wie meine Generation trans entdeckt hat

Der Auslöser: eine Diskussion unter meinem Blogartikel

Unter meinem letzten Blogartikel über die Heilungsphase nach meiner gaOP entstand eine Diskussion, die mich länger beschäftigt hat.

Eine trans Frau, die bereits in den 90ern operiert wurde, bezeichnete meine Schilderung der Heilungsphase als „Jammerstory“. Gleichzeitig bekomme ich aus einer ganz anderen Richtung gelegentlich Kritik von jüngeren trans Aktivistinnen. Da fällt dann schnell mal ein „Boomer“ oder „konservativ“.

Zwei völlig unterschiedliche Vorwürfe – und trotzdem geht es im Kern um dieselbe Frage:

Wie lebt man eigentlich als trans Frau?

Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir: Ein Teil dieser Spannungen liegt wahrscheinlich daran, dass viele von uns aus völlig unterschiedlichen Zeiten kommen.

Das Internet der 90er

Als ich Mitte der 90er zum ersten Mal Internet hatte, war das noch eine komplett andere Welt.

Man setzte sich vor einen grauen Rechner, wählte sich über ein Modem ein und hörte dieses typische Pfeifen und Knacken in der Leitung. Danach öffneten sich Newsgroups – lange Textlisten mit Diskussionen aus aller Welt.

Natürlich habe ich irgendwann auch nach „trans“ gesucht.

Ich weiß noch genau, wie ich damals vor dem Bildschirm saß und diese Texte las. Und ich merkte ziemlich schnell, wohin mich diese Spur führen könnte.

Also habe ich den Browser wieder geschlossen.

Mein Gedanke damals war ganz klar:

„Nein. Da schaue ich lieber nicht weiter rein. Da wecke ich Dämonen, die ich nicht beherrschen kann.“

Heute denke ich manchmal darüber nach, wie sehr mich dieser Gedanke damals geprägt hat. Ich wusste schon früh, dass in mir etwas ist, das ich lieber nicht zu genau anschauen wollte.

Als Kind hatte ich zum Beispiel einmal den Traum, ich würde zur Erstkommunion ein Kommunionkleid tragen. Ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Solche Momente verschwinden nicht einfach. Man schiebt sie nur lange vor sich her.

Das gesellschaftliche Klima damals

Man darf auch nicht vergessen, wie das gesellschaftliche Klima damals war.

Auf vielen Schulhöfen wurde „schwul“ noch ganz selbstverständlich als Schimpfwort benutzt. Im Fernsehen wurden feminine Männer oft als Witzfigur dargestellt. Dinge, die heute anders diskutiert werden, waren damals einfach Teil der Unterhaltungskultur.

Wenn man in so einer Umgebung aufwächst, entwickelt man schnell ein Gefühl dafür, was man lieber für sich behält.

Für viele von uns war das Internet deshalb kein Ort für Pride oder Aktivismus.

Es war ein geheimer Raum.

Ein Ort, an dem man überhaupt erst herausfinden konnte, wer man ist.

Die ersten Online-Communities

Erst Anfang der 2000er begann ich, mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Das Internet wurde größer, es entstanden Webseiten, Foren und erste Online-Communities.

Und plötzlich merkte ich: Ich bin mit diesen Gedanken nicht allein.

Unsere Selbstbezeichnungen waren damals andere. Viele nannten sich Transvestiten, T-Girls oder auch einfach Trannys. Für uns waren das keine politischen Begriffe, sondern einfach Worte, mit denen wir uns selbst beschrieben.

Die Gespräche waren erstaunlich bodenständig. Es ging weniger um große Identitätsdebatten, sondern um ganz praktische Fragen:

Wo bekommt man Schuhe in großen Größen?
Welche Feinstrumpfhosen sehen gut aus?
Wie schminkt man sich überhaupt?

Viele von uns lebten ein Doppelleben. Tagsüber Beruf, Familie, Alltag. Und irgendwo daneben gab es diese andere Seite, die nur wenige Menschen kannten.

Anna in frühen Jahren ihrer weiblichen Selbstfindung Mitte der 2000er
Eines meiner frühen Fotos aus den 2000er-Jahren. Damals begann ich langsam zu verstehen, dass mein Wunsch, als Frau zu leben, mehr war als nur ein Experiment.

Nicknames und Anonymität

Fast alle nutzten damals Nicknames. Anonymität war wichtig, weil viele von uns große Angst hatten, entdeckt zu werden.

Ich selbst war in einer dieser Online-Galerien unter dem Namen Anna_S unterwegs. Das „S“ stand für Singer, den Mädchennamen meiner Oma.

Der Grund war simpel: Ich wollte unbedingt vermeiden, dass jemand meinen echten Namen mit diesen Bildern in Verbindung bringen konnte.

Heute wirkt das vielleicht übervorsichtig. Aber damals fühlte sich diese Anonymität wie eine Art Schutzraum an.

Screenshot eines Community-Profils Anna_S in einer trans Online-Community der frühen 2000er
Screenshot meines alten Community-Profils „Anna_S“. Viele von uns nutzten damals Nicknames, um anonym über trans Themen sprechen zu können.

Erste Schritte

In dieser Zeit begann ich auch, mich selbst vorsichtig auszuprobieren.

Ein wichtiger Moment war der Tag, an dem mich eine ehemalige Mitschülerin einmal richtig schminkte – und ich mich danach im Spiegel sah. Über diesen Moment habe ich schon einmal ausführlich geschrieben: 18. Mai 2005 – Das erste Mal richtig ich

Was aus den Menschen von damals geworden ist

Wenn ich heute an diese Communities zurückdenke, habe ich das Gefühl, dass sich unsere Wege ungefähr in drei Richtungen entwickelt haben.

Das sind keine wissenschaftlichen Zahlen – nur mein persönlicher Eindruck aus dieser Zeit.

Etwa die Hälfte der Menschen von damals ist irgendwann tatsächlich transitioniert.

Ein anderer Teil lebt bis heute gelegentlich als Frau – etwa bei Treffen oder Partys.

Und einige haben dieses Kapitel irgendwann komplett hinter sich gelassen.

Als ich 2022 meine eigene Transition begann, haben mich einige Frauen aus dieser Zeit sogar angerufen und mir Mut gemacht. Das war für mich eine sehr besondere Erfahrung.

Eine andere Internetwelt

Wenn ich heute sehe, wie junge trans Menschen ihre Identität entdecken, passiert das oft in einer völlig anderen Umgebung.

Heute gibt es Instagram, TikTok, Threads und YouTube. Viele zeigen ihr Gesicht, ihren Alltag und ihre Transition öffentlich.

Das Internet ist für viele zu einer Bühne geworden.

Für meine Generation war es eher ein Rückzugsort.

Und vielleicht erklärt genau dieser Unterschied einen Teil der Diskussionen, die wir heute erleben.

Fortsetzung folgt

Im zweiten Teil dieser Serie möchte ich darüber schreiben, warum diese unterschiedlichen Erfahrungen heute manchmal zu Konflikten innerhalb der trans Community führen – und warum ich mich selbst wahrscheinlich irgendwo zwischen diesen Generationen wiederfinde.

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2 Kommentare zu “Trans Generationen: Meine Internet-Anfänge”

  1. Hallo Anna. Eine schöne und wenn ich es mit meiner Situation vergleiche, sehr zutreffende Schilderung “ unserer damaligen Lage“. Nur ,ich hatte leider nicht den Zugriff auf frühere Communities. Aber meine Gefühlswelt deckt sich sehr. Auch hier danke ich Dir für Deine Offenheit. Lasse Dich nicht durch negative Kommentare unterkriegen. Lieben Gruß Dana

  2. Wie immer ein toller Beitrag, in dem ich mich vollkommen wiederfinde. Sogar die Plattform auf dem Screenshot habe ich damals auch benutzt!
    LG Julia

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