2005–2006: Wochenend-Anna, Travesta & Doppelleben
Nach dem 18. Mai 2005 war nichts mehr wie vorher.
Ich hatte an diesem Abend zum ersten Mal erlebt, wie es sich anfühlt, wirklich ich selbst zu sein. Und auch wenn ich danach wieder in meinen Alltag zurückging, war klar: Das lässt sich nicht mehr einfach wegdrücken.
2005 und 2006 waren die Zeit, in der ich ein Doppelleben führte.
Unter der Woche war ich der Mann im Job, am Wochenende war ich Anna.
Ich wohnte damals in einem Haus mit mehreren Wohnungen, aber es war sehr WG-mäßig. Man kannte sich, man saß zusammen, man ging zusammen weg. Nach außen war ich einfach einer von vielen jungen Leuten, die arbeiten, feiern und ihr Leben leben.
Aber innerlich lief bei mir etwas ganz anderes.
Sobald Freitag war, fing mein eigentliches Leben an.
Ich war extrem viel unterwegs. Wirklich fast jedes Wochenende.
Partys, Clubs, Travesta, private Treffen, einfach rausgehen als Frau. Es war nicht nur ein bisschen ausprobieren. Es war ein richtiges Leben. Ich hatte Kleidung, Make-up, Perücken, später auch meine eigenen Haare, und ich fühlte mich in diesen Momenten so richtig wie nie zuvor.

Bei Travesta habe ich damals auch mein heutiges Enby kennengelernt.
Das war eines dieser Dinge, die man im Nachhinein als Schlüsselmoment erkennt. Egal, was heute oder irgendwann einmal sein sollte — wir kennen uns seit über 20 Jahren. Wir haben unglaublich viel zusammen erlebt, und diese Zeit gehört einfach zu meiner Geschichte. Ohne diese Begegnung wäre vieles anders gelaufen.
Ich lernte in dieser Zeit auch andere trans Frauen kennen.
Eine davon war Arielle aus Kaiserslautern, die bei KUKA als Roboterprogrammiererin gearbeitet hat. Sie war extrem intelligent, technisch unglaublich fit, aber sozial eher eigen. Heute würde ich sagen, wahrscheinlich irgendwo im autistischen Spektrum. Damals kam sie mir einfach nur sehr ungewöhnlich vor. Sie fragte mich irgendwann ganz direkt, warum ich nicht transitioniere.
Meine Antwort war sinngemäß: „Nö, warum sollte ich?“
Innerlich dachte ich mir eher, dass man auf solche Gedanken kommt, wenn man einen Job hat, bei dem man keinen Kundenkontakt hat und machen kann, was man will. Ich war damals im Vertrieb unterwegs. Für mich fühlte sich das völlig unrealistisch an.
Ich lebte also dieses Wochenend-Leben, aber unter der Woche war ich wieder in meiner Rolle gefangen.
Dazu kam, dass mein Chef meine längeren Haare irgendwann nicht mehr akzeptabel fand. Ich wollte sie eigentlich wachsen lassen, weil sie mir wichtig waren. Aber im Job ging das nicht.
Er schickte mich zum Friseur, und dort bekam ich ein komplettes Make-over — nur eben in die andere Richtung. Haare kurz, Wimpern färben, geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt.
Für den Job sollte ich ordentlich aussehen.
Für mich fühlte es sich eher so an, als würde wieder etwas abgeschnitten, das ich gerade erst gefunden hatte.
Trotzdem hörte ich nicht auf, am Wochenende als Anna unterwegs zu sein.
Im Gegenteil. Diese Zeit wurde eher intensiver.
Ich ging feiern, ich traf Leute, ich lernte die Szene kennen, ich lebte etwas, das ich mir als Kind nie hätte vorstellen können. Und gleichzeitig wusste ich immer: Das hier ist nicht mein Alltag. Das ist nur der Teil meines Lebens, den ich mir heimlich erlaube.
Warum ich damals nicht transitioniert habe, hatte viele Gründe.
Der erste war ganz banal: der Job.
Ich war im Vertrieb, mit Kundenkontakt, mit Reisen, mit Verantwortung. Eine Transition hätte bedeutet, alles aufs Spiel zu setzen.
Der zweite Grund war meine Familie.
Es gab damals dieses eine Gespräch mit meiner Mutter, das völlig schief lief. Ich wollte mich nicht wirklich outen, aber irgendwie kam das Thema auf, und plötzlich stand etwas im Raum, das ich so nie geplant hatte auszusprechen. Kein richtiges Coming-out, eher ein saublödes, halb erzwungenes Outing, das niemand einordnen konnte.
Danach wusste sie, dass bei mir etwas anders ist, aber wir haben nie wirklich darüber gesprochen. Es wurde nicht offen geklärt, nicht akzeptiert, nicht abgelehnt — es blieb einfach im Raum stehen. Und genau das machte alles noch schwieriger.
Solange ich nur am Wochenende als Anna unterwegs war, konnte ich so tun, als wären das zwei getrennte Welten. Aber eine echte Transition hätte bedeutet, dass ich mich vor meiner Familie wirklich hinstellen muss, ohne Ausreden, ohne Verstecken. Und dafür hatte ich damals nicht den Mut.
Der dritte Grund war Geld.
Ich hatte Angst, dass ich meinen Job verliere und am Ende bei Hartz IV lande. Und das war keine übertriebene Angst, sondern damals eine sehr reale Möglichkeit. Die Gesellschaft war eine andere als heute, und eine Transition im Vertrieb hätte sehr schnell bedeuten können, dass ich beruflich komplett abstürze.
Und dann war da noch die Rechtslage.
Damals galt noch das alte Transsexuellengesetz.
Wenn man den Vornamen ändern wollte, musste man praktisch schon mitten in der Transition stecken. Gutachten, Real-Life-Test, monatelang im Alltag als Frau leben, während auf allen Dokumenten noch der alte Name stand. Teilweise wurde sogar erwartet, dass man sich operieren lässt, bevor überhaupt etwas offiziell geändert wird.
Für jemanden im Vertrieb war das völlig unrealistisch.
Ich hätte monatelang bei Kunden auftreten müssen, mit weiblichem Erscheinungsbild, aber mit männlichem Namen auf Visitenkarte, Vertrag und Ausweis.
Das war für mich damals völlig undenkbar.
Nicht nur unangenehm, sondern existenzgefährdend.
Ich hätte also monatelang als Frau leben müssen, während auf jedem Dokument mein alter Name steht.
Für mich war das damals unvorstellbar.
Also blieb es bei diesem Doppelleben.
Unter der Woche funktionierte ich.
Am Wochenende war ich Anna.
Diese Zeit war intensiv, schön, chaotisch und gleichzeitig unglaublich anstrengend. Ich lebte etwas, das sich richtig anfühlte, aber ich wusste, dass ich es nur heimlich leben konnte. Und irgendwann war klar, dass das so nicht ewig weitergehen kann.
Ende 2006 änderte sich mein Leben wieder.
Ab Januar 2007 ging es nach Heidelberg.
Und dort wurde vieles noch komplizierter.
👉 Weiterlesen
Der Abend im Mai war der Anfang.
Hier wurde daraus ein Doppelleben, das ich jahrelang geführt habe.
→ Der Anfang von allem:
18. Mai 2005 – das erste Mal richtig ich
→ Wie es weiterging:
Mannheim & Heidelberg 2007–2008 – Doppelleben
Schreibe einen Kommentar