Anna in schwarzem Outfit in ihrer Wohnung in Mannheim (2007)
Ich habe mir dieses Leben Stück für Stück zurückgeholt.

Mannheim & Heidelberg 2007–2008 – Doppelleben

· 6 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

Ende 2006 bekam ich die Jobzusage bei Reutax.
Für mich war das ein wichtiger Schritt. Nach der Zeit im Finanzvertrieb, in der ich kaum Geld verdient hatte, war ich ehrlich gesagt einfach froh, endlich ein solides Einkommen zu haben und mein Leben vernünftig aufbauen zu können.

Ab Januar 2007 ging es dann los.

Ich zog zunächst in eine WG nach Dossenheim. Eine klassische Jungs-WG, teilweise auch im burschenschaftlichen Umfeld unterwegs – aber insgesamt wirklich nett. Viel Bier, viel Chips, viel Alltag.
Und genau das hatte Folgen: Ich habe in dieser Zeit deutlich zugenommen.

Ich kam neu an und wusste nicht genau, wie die Leute ticken. Deshalb ließ ich meine weiblichen Sachen und mein Make-up erstmal in Augsburg. Nicht, weil ich diesen Teil von mir loswerden wollte – sondern weil ich die Situation erst verstehen wollte, bevor ich mich öffne.

Ich arbeitete bei Reutax, trug jeden Tag Anzug und funktionierte in dieser Rolle.
Das war klar getrennt: Unter der Woche Job, am Wochenende ein anderes Leben.

Erste Erfahrungen – und erste Klarheit

In der WG lernte ich die Studienkollegin und Freundin eines Mitbewohners kennen. Wir hatten kurz etwas miteinander.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich mir eine klare Regel gesetzt: Wenn es mehr als etwas Lockeres wird, sage ich innerhalb von zwei Wochen, dass ich trans bin. Ich wusste, dass ich das nicht „wegkriege“. Verstecken kam für mich nicht infrage.

Also habe ich es ihr gesagt. Sie konnte damit nichts anfangen. Beim Sex hatte sie schon gemerkt, dass ich ihr „zu feminin“ bin.
Das war für mich in Ordnung. Es war früh, ich hatte noch nichts investiert, und ich wusste, dass genau solche Reaktionen kommen können.

Später habe ich einem Mitbewohner erzählt, warum es auseinandergegangen ist.
Ich habe also nicht geschwiegen – ich habe mir nur den Zeitpunkt selbst ausgesucht.

Zurück zu mir

Irgendwann zog ich in meine eigene Wohnung nach Mannheim und holte meine Sachen aus Augsburg.
Ich hatte das vermisst – dieses Frau-Sein, das ich 2005/2006 schon erlebt hatte.

In Mannheim kannte mich niemand. Niemand wusste, wer ich bin oder wer ich „sein sollte“.
Das machte einen Unterschied.

Also bin ich an einem Wochenende tagsüber als Frau rausgegangen.

Ich war zu dem Zeitpunkt moppelig – auch wegen der Zeit in der WG mit viel Bier und Chips. Und gerade Bauchfett ist fürs Passing einfach schlecht. Richtig schlecht.
Und ja – ich wurde ausgelacht.

Kein großes Drama. Aber ein klarer Moment. Realität.

Meine Reaktion war simpel: Fitness First, Spinning, Ernährung umgestellt.
Naturjoghurt, Beeren, weniger Müll. Innerhalb weniger Monate war ich wieder in einem normalen Bereich.

Rückblickend: Ich konnte meine Identität nicht kontrollieren – also habe ich angefangen, meinen Körper zu kontrollieren.

Mannheim: Szene, Freiheit und ein eigenes Leben

Mit der Zeit fing es an, wirklich zu laufen.

Über Travesta lernte ich Petra kennen. Mit ihr war ich oft unterwegs – vor allem auf der Himbeerparty in der Alte Feuerwache Mannheim.
Dort lernte ich viele andere trans Frauen kennen, mit einigen habe ich bis heute Kontakt.

Anna auf einer Party in Mannheim mit Getränk in der Hand
Auf einer Party in Mannheim – irgendwo zwischen Alltag und meinem echten Leben.

Auch Jessica, die aus Aachen nach Mannheim an die Uni wechselte, wohnte ein paar Tage bei mir. Zu ihr habe ich bis heute losen Kontakt.

Ich war viel unterwegs – Himbeerparty, Clubs, unter anderem im Filmriss am Luisenring. Mannheim ist eine Arbeitsstadt: früh weggehen, früh heimkommen.
Aber in diesen Nächten hatte ich Freiheit.

Es gab auch Begegnungen, die anders waren.
Eine Frau aus dem Umfeld der Szene – die cis Nachbarin einer anderen trans Person – kam öfter mit auf die Himbeerparty und war so Teil davon.

Mit ihr hatte ich auch etwas. Sie kannte mich direkt weiblich präsentierend und fand mich attraktiv. Wir saßen einmal tagsüber am Wasserturm.

Am nächsten Tag wurde ich darauf angesprochen – von meinem damaligen Chef. Nicht aggressiv, eher als Hinweis, ich solle aufpassen.

Das war kein Angriff. Aber die Grenze war klar:
Individuell war vieles möglich – gesellschaftlich nicht unbedingt.

Alltag, Mutproben und zwei Welten

Der Alltag blieb zweigeteilt.

Unter der Woche: Arbeit, Anzug, Funktionieren.
Am Wochenende: Anna.

Ich habe mich langsam auch tagsüber mehr getraut.

Anna auf einer Party in Mannheim, Nahaufnahme
Mitten in der Nacht – genau da, wo ich sein wollte.

Jessica hat damals ein paar Wochen bei mir gewohnt und irgendwann so halb spöttisch gemeint: „Du traust dich eh nicht, mit den Schuhen raus.“

Riemchen-Halbschuhe, Pfennigabsatz, vielleicht fünf, sechs Zentimeter.

Ich bin einfach los zum Bäcker.

Fünf Euro verdient.

Kleine Schritte – aber wichtige.

Was es gekostet hat

Diese Zeit hatte ihren Preis.

Mein Freundeskreis in Augsburg ist dabei praktisch weggefallen.
Der Vorwurf war, ich würde nie mehr am Wochenende kommen. Und das stimmte auch.

Ich hatte:

  • eine 40–50-Stunden-Woche
  • Abende mit Kolleg*innen
  • und ansonsten war ich unterwegs in der Szene

Da blieb nichts mehr übrig für „mal kurz nach Augsburg fahren“.

Ich habe mir ein neues Leben aufgebaut – und dabei mein altes verloren.

Der Bruch

Beruflich war ich zu diesem Zeitpunkt längst unzufrieden.

Bei Reutax lief einiges schief. Ich wurde bei Provisionen benachteiligt – ich meldete eine falsche Abrechnung, die dann nach unten korrigiert wurde, während andere das Geld behalten durften.
Versprechen wurden gemacht und nicht gehalten. Viele gingen.

Ich habe mich dann anderweitig umgesehen und ein neues Angebot angenommen.

Ich hatte mir dort ein Leben aufgebaut. Und genau deshalb war klar, dass ich es verlassen musste.

Das Unternehmen hatte seinen Hauptsitz in Rosenheim, aber auch ein Office in München.

Rosenheim wäre möglich gewesen.
Aber mir war schnell klar: Das wird für mich nicht funktionieren.

Ich wusste, wie ich lebe. Ich wusste, dass ich rausgehe, dass ich mich zeige.
In einer kleinen Stadt, in der jeder jeden kennt? Das wäre für mich nicht gegangen.

Also bin ich nach München gezogen.

Und dann war es vorbei

Damit war meine Zeit in Mannheim und Heidelberg beendet.

Der Kontakt zu vielen aus dieser Zeit brach danach einfach ab.

Was genau im Hintergrund gelaufen ist, habe ich erst viel später erfahren – über Petra und Jessica.
Offenbar wurde aus der Richtung von N. einiges über mich erzählt. Was genau, weiß ich bis heute nicht.

Ich weiß nur, dass sie mir übel genommen hatte, dass ich einmal gesagt habe, dass jeden Abend eine Flasche Wein vielleicht etwas viel ist.

Das hat mich lange gewurmt. Heute spielt es keine Rolle mehr.

Jessica wollte damals ebenfalls keinen Kontakt mehr.

Erst viele Jahre später, im Zuge meiner Transition, kam wieder Kontakt zustande. Da habe ich auch erfahren, dass sich manche aus dieser Zeit in eine ganz andere Richtung entwickelt hatten.

Mit Petra blieb ich noch länger in Kontakt. Ich habe sie später noch in Mannheim im Krankenhaus besucht, bevor sie an Krebs verstarb.

Zu einer anderen Petra aus der Zeit habe ich bis heute hin und wieder Kontakt. Nicht oft, aber gut.


Diese Phase hat für mich funktioniert.

Ich hatte ein Leben, in dem ich ich sein konnte – zumindest in bestimmten Räumen und zu bestimmten Zeiten.

Aber es war kein Leben, das ich dauerhaft hätte so weiterführen können.

 

👉 Weiterlesen

Der Anfang war 2005.
In Mannheim wurde daraus ein Doppelleben.

→ Der Anfang:
18. Mai 2005 – das erste Mal richtig ich

→ Die Zeit davor:
2005–2006: Wochenend-Anna, Travesta & Doppelleben

→ Wie es weiterging:
München – ein Leben, das funktioniert hat

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