Anna nachts am Münchner Hauptbahnhof mit überrascht-erschöpftem Blick während sie wegen Zugausfällen warten muss
Nachts am Münchner Hauptbahnhof: zwei ausgefallene Züge, Kälte und plötzlich eskaliert ein Toilettenfoto im Internet.

Ich war auf dem Klo – und ihr seid eskaliert.

· 4 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

Ich war mit Kolleg*innen im Rechthaler Hof essen. Ein ganz normaler Abend. Obazda, Brot, ein Bier.

Obazda mit Brot, Zwiebeln und Essiggurken im Rechthaler Hof in München
Ein ganz normaler Abend: Obazda, Brot, ein Bier.

Und wie das mit Bier so ist, musste ich irgendwann aufs Klo.

Anna im Spiegel einer Damentoilette fotografiert, schwarzes Kleid, Blick in die Kamera, Kabinen im Hintergrund
Ganz normaler Moment: kurz aufs Damenklo, Hände waschen und weiter

Also bin ich aufs Damenklo gegangen. Hände waschen, in den Spiegel schauen, weitergehen. Mehr ist nicht passiert.

Da war dieser große Spiegel, in dem man gleichzeitig auch die Kabinen sieht. Ich fand die Perspektive irgendwie ganz witzig und habe ein Foto gemacht. Kein großer Gedanke dahinter. Kein politisches Statement. Einfach ein Moment aus dem Alltag.

Genau so habe ich es auch gepostet.

Auf Threads nur ein Satz:
„Ich geh aufs Damenklo. Punkt.“

Auf Facebook etwas ausführlicher, fast schon langweilig:
„Ganz normaler Moment im Alltag: kurz aufs Damenklo, Hände waschen und weiter.“

Und auf X ein bisschen zugespitzter, weil ich dort mit mehr Gegenwind gerechnet habe.

Interessanterweise kam es genau anders.

Auf X passierte fast nichts. Ein paar Kommentare, etwas Rauschen, aber insgesamt eher verhalten. Auf Facebook war es gemischt – Zustimmung, Kritik, ein paar der üblichen Kommentare. Nichts, was man nicht kennt.

Und dann war da Threads.

Dort ist das Ganze komplett eskaliert.

Während das alles passierte, stand ich nachts am Münchner Hauptbahnhof. Eigentlich wollte ich um 23 Uhr heimfahren, aber wegen eines Notarzteinsatzes fuhr kein Zug. Am Ende bin ich erst gegen 0:45 losgekommen. Es war kalt, ich hatte Zeit, und so habe ich angefangen, mich durch die Kommentare zu klicken und hier und da zu antworten.

Vielleicht war genau das der Moment, in dem aus einem einfachen Foto plötzlich so etwas wie eine kleine Feldstudie wurde.

Denn die Reaktionen lassen sich ziemlich klar einteilen.

Da sind die Lauten. Die, die sofort beleidigend werden, die mit „krank“, „abartig“ oder „Mann bleibt Mann“ um sich werfen. Manche gehen noch weiter und formulieren ganz offen Gewaltfantasien. Das ist nicht überraschend, aber es ist trotzdem jedes Mal bemerkenswert, wie schnell diese Schwelle überschritten wird.

Zum Beispiel so:

Screenshot eines Kommentars auf X, in dem einer trans Frau Gewalt angedroht wird, weil sie die Damentoilette benutzt
„Wenn ich dich einmal auf dem Frauenklo sehe dann klatschts.“

Und dann gibt es noch die ganz eigene Kategorie Humor.
Manchmal auch unfreiwillig.

Screenshot eines Facebook-Kommentars mit der Bemerkung „Kann Spuren von Nüssen enthalten“
„Kann Spuren von Nüssen enthalten.“

Dann gibt es die, die sich für sachlich halten. Die sagen, es interessiere doch niemanden, oder fragen, warum man so etwas überhaupt posten müsse. Die Botschaft ist im Kern die gleiche, nur etwas höflicher verpackt: Du störst.

Das klingt dann ungefähr so:

Screenshot eines Facebook-Kommentars, der sich kritisch über trans Menschen und Toilettennutzung äußert und mehr Zurückhaltung fordert
„Warum muss man seine eigene Person so ein Wirbel wegen jedem Mist veranstalten… Es nervt.“

Und dann gibt es die dritte Gruppe. Die, die einfach von ihrem eigenen Alltag erzählen. Frauen, die sagen, dass sie noch nie eine negative Erfahrung gemacht haben. Andere trans Personen, die seit Jahren ganz selbstverständlich auf die Damentoilette gehen. Menschen aus Pflege oder Alltag, die schlicht feststellen, dass das Thema in der Realität überhaupt kein Drama ist.

Screenshot eines positiven Kommentars auf Threads, in dem eine Nutzerin beschreibt, dass sie nie negative Erfahrungen mit LGBTQ-Personen gemacht hat
„Ich habe noch nie eine negative Erfahrung erlebt…“

Genau da wird es interessant.

Die stärksten Meinungen kommen oft von denen ohne eigene Erfahrung.
Die ruhigsten von denen, die tatsächlich welche haben.

Screenshot eines unterstützenden Facebook-Kommentars, der beschreibt, dass eine Transfrau die Toilette benutzt hat und nichts passiert ist
„Hier hat gerade eine Transfrau gepinkelt. Was ist passiert? Nichts.“

Ich selbst mache das seit vielen Jahren. Wenn ich weiblich präsentiere, gehe ich aufs Damenklo. Das ist kein neues Verhalten, kein Experiment und auch kein „Statement“. Es ist schlicht Alltag. Und in all der Zeit ist mir im echten Leben nichts passiert. Keine Szene, kein Konflikt, kein Drama.

Die Realität ist unspektakulär.
Das Internet macht daraus ein Problem.

Was mich an dieser ganzen Situation fasziniert, ist nicht einmal die Ablehnung. Die kennt man. Es ist eher der Kontrast zwischen dem, was behauptet wird, und dem, was tatsächlich passiert.

Da werden Horrorszenarien entworfen, die mit dem echten Leben erstaunlich wenig zu tun haben. Und gleichzeitig berichten Menschen, die tatsächlich betroffen sind oder regelmäßig damit in Kontakt kommen, von völlig normalen Begegnungen. Man begegnet sich, lächelt vielleicht, oder ignoriert sich einfach und geht weiter.

So, wie es im Alltag eben meistens ist.

Am Ende war dieser Abend genau das, was er von Anfang an war: unspektakulär.

Ich war essen, ich habe ein Bier getrunken, ich war auf dem Klo und bin wieder gegangen.

Im echten Leben war es einfach nur ein Toilettengang.
Das Problem existiert nur im Internet.

Ich habe solche Reaktionen schon länger dokumentiert – hier findest du Beispiele:
👉 Dokumentation transfeindlicher Angriffe auf X

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2 Kommentare zu “Ich war auf dem Klo – und ihr seid eskaliert.”

  1. Wir leben anscheinend immer noch im Mittelalter. Ich persönlich finde, leben lassen wie man will. Wir sind alle Menschen. Jeder soll sich in seinem Körper wohl fühlen. Und eines noch: abartig oder pervers gibt es in meinem Wortschatz nicht. lg aus Bayern

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