Detailaufnahme der Augen mit Make-up während eines Schminkexperiments 2008 in München
Viel Arbeit im Detail – und trotzdem noch auf der Suche nach mir

München – ein Leben, das funktioniert hat

· 6 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

Entscheidung für München

2008 bekam ich ein Jobangebot aus Rosenheim.
Ich hätte auch einfach nach Rosenheim ziehen können. Aber ich wollte nach München.

Die Firma hatte auch ein Office in München, deshalb ging das überhaupt.

Rosenheim war eine nette Stadt. Aber für mich war das keine Option. Meine Trans-Thematik habe ich dort ehrlich gesagt gar nicht gesehen. Eine Handvoll Lokale, keine Kontakte, niemand, mit dem ich hätte hingehen können. Und wenn ich dort als Frau unterwegs gewesen wäre, wäre das sofort aufgefallen.

München war da etwas ganz anderes. Großstadt, Anonymität, Möglichkeiten.
Und gleichzeitig wieder näher an Augsburg.

Augsburg war nicht mehr das, was es mal war

Ich hatte die Hoffnung, dass ich vielleicht wieder an die alte Zeit anknüpfen kann. Freundschaften wiederbeleben, an etwas anschließen, das sich früher einmal richtig angefühlt hatte.

Das hat nur teilweise funktioniert.

Ich war ein paar Mal in Augsburg, und auch andersherum gab es einzelne Besuche – einmal war Matthias bei mir in München, einmal Ingo. Aber es blieb punktuell. Spontane Treffen, wie sie früher selbstverständlich gewesen waren, gab es kaum noch.

Irgendwann kamen dann ein paar aus Augsburg für ein Festival nach München, ohne mir Bescheid zu sagen.

Das war für mich so ein Moment, in dem ich gemerkt habe, dass ich da nicht mehr wirklich dazugehöre.

Ich war darüber nicht einmal besonders wütend. Es war eher eine ruhige, fast nüchterne Erkenntnis. Ab diesem Punkt habe ich das für mich abgeschlossen.

Kontakt hatte ich eigentlich nur noch zu Heidi.
Die kannte ich seit 2002, und sie war lange so etwas wie meine Bestie – auch über Mannheim hinweg.

Der Umzug

Der Umzug selbst war nicht nahtlos.

Ich bin nicht direkt von Mannheim nach München gezogen. Dazwischen lag etwa ein Monat bei meinen Eltern in Augsburg. Möbel, Kisten, alles war irgendwo zwischengelagert. Und erst danach habe ich mir in München Schritt für Schritt etwas Eigenes aufgebaut.

Die Wohnung

Die Wohnung habe ich schnell gefunden.

Die erste Besichtigung war in Berg am Laim, Kainzenbadstraße, Nähe U5 Michaelibad. Eine kleine Maisonette. Oben der Schlafbereich mit kleinem Balkon, unten ein großes Wohnzimmer – ebenfalls mit Balkon. Dazu eine kleine Küche und ein kleines Bad mit Badewanne.

Die Vermieterin meinte, ich solle es mir in Ruhe überlegen.

Ich habe danach noch weitere Wohnungen angeschaut. Aber diese eine hat mich nicht mehr losgelassen. Am Nachmittag habe ich zugesagt.

Der Eingang war über einen Balkon, davor stand ein einzelnes Bänkle.

Das war einfach Glück.

Ein Rückzugsort

Die Wohnung war für mich ein Rückzugsort.

Ich habe die weiße Couch von der Vormieterin übernommen und gleichzeitig viel von meinem alten Kram aussortiert. Ich wollte es bewusst minimalistisch halten. Weniger Dinge, weniger Unordnung – dadurch war es automatisch aufgeräumt.

Die Wohnung war ruhig.
Und sie hat funktioniert.

Ein Leben, das funktioniert hat

Auch der Rest meines Lebens hat funktioniert.

Ich hatte einen gut bezahlten Job, mein Alltag war strukturiert, und ich war nicht allein. Es gab auch zwei oder drei Techtelmechtel in dieser Zeit. Von Beziehungen kann man dabei nicht sprechen, aber es war da.

Und das war durchaus ein Unterschied zu früher.

Vor meinem Coming-out hatte ich deutlich weniger solche Erfahrungen gemacht. Es gab einzelne Ausnahmen, aber insgesamt war das eher selten gewesen.

Seit Augsburg hatte sich das verändert. Es gab immer wieder Begegnungen. Und trotzdem blieb dieser Gedanke im Hintergrund bestehen, dass eigentlich keine Frau jemanden wie mich wirklich will.

Selbst wenn es Gegenbeispiele gab, habe ich sie oft eher als Zufall eingeordnet.

Szene, aber anders

Ich hatte auch wieder Kontakte in der Szene.

Über Travesta, über Leute, die wiederum andere kannten. Allerdings war das anders als in Mannheim. Weniger offen, weniger dieses Gefühl von „wir gehen gemeinsam raus“. Es war mehr im Kleinen organisiert: Wohnungspartys, kleine Gruppen, und von dort aus vielleicht gemeinsam in eine Bar oder einen Club.

Gleichzeitig gab es auch eine ganz andere Seite.

Ich bekam unglaublich viele Anfragen – aber fast ausschließlich von Männern oder von Menschen, die sich selbst eher im Bereich Damenwäsche, Fetisch oder, wie man es heute nennen würde, „Sissy“ bewegten. Das war nie das, was ich gesucht habe.

Anna hatte Raum – aber keinen festen Platz

Anna hatte in München Raum. Aber keinen festen Platz.

Ich habe sie nicht durchgehend gelebt. Es war eher etwas, das ich mir genommen habe, wenn es gepasst hat.

Das verlief in Wellen.

Im Sommer zum Beispiel oft fast gar nicht. Das kannte ich schon aus Mannheim. Wenn es heiß war, hatte ich einfach keine Lust auf das komplette Programm – kein Korsett, kein aufwendiges Make-up, keine Schichten im Gesicht, die bei der Hitze ohnehin nicht halten.

Wenn, dann richtig

Wenn ich mich fertig gemacht habe, dann richtig.

Das war nichts, was man nebenbei erledigt hat. Es war ein fester Ablauf.

Duschen, komplette Rasur, dann die Haare vorbereiten, oft mit Haarnadeln für Locken. Im Gesicht zunächst rot oder orange, um den Bartschatten zu neutralisieren, danach der TV Stick von Kryolan und anschließend Camouflage zum Akzentuieren.

Die Augen mit Kajal, verwischt, dazu Lidschatten – innen heller, nach außen dunkler – und Augenbrauenstift. Danach Fixierpuder, oft auch Fixierspray, und am Ende Lippenstift.

Das war aufwendig.

Und wichtig: Ich bin nie mit Stoppeln rausgegangen. Nie.
Ich hatte damals schon eine sehr starke Bart-Dysphorie.

Und trotzdem gab es diese Abende, an denen sich der ganze Aufwand plötzlich gelohnt hat.

Porträt im Dirndl auf dem Oktoberfest 2008 in München – feminines Auftreten in einer frühen Phase
Ein Abend auf der Wiesn – und einer der Momente, in denen es sich stimmig angefühlt hat

Einzelne Momente

Es gab diese einzelnen Momente, die herausgestochen sind.

Zum Beispiel die Wiesn 2008. Dirndl, Urlaub genommen, einfach einen Tag raus. Oder auch mal in Augsburg femme unterwegs.

Das waren gute Tage.

Aber sie waren nicht der Alltag.

Ich war selektiv offen. Einige wussten Bescheid, andere nicht. Es gab keinen Punkt, an dem alles zusammenkam und selbstverständlich wurde.

Getrennte Welten

Wenn ich heute darauf zurückschaue, hatte ich in München eigentlich alles, was man sich wünschen kann.

Ich hatte einen stabilen Job, eine Wohnung, die genau zu mir passte, eine gewisse Struktur im Alltag und auch soziale Kontakte.

Und gleichzeitig war alles voneinander getrennt.

Ich hatte mir ein Leben aufgebaut, in dem Anna Platz hatte – aber nur unter Kontrolle.

Und dann wurde es plötzlich konkreter

Und dann gab es da noch jemanden im Hintergrund.

Ich hatte schon seit 2006 Kontakt zu Kuschy. Viel geschrieben, viel über Yahoo Messenger, ab und zu telefoniert.

Für mich war das lange einfach eine Online-Freundschaft gewesen. Nichts, was ich als mögliche Beziehung gesehen hätte. Dafür war es zu weit weg, zu kompliziert, und ehrlich gesagt gab es auch Dinge, die ich damals eher als Warnzeichen eingeordnet habe.

Wir waren uns sympathisch, aber mehr war es nicht.

Eigentlich hatten wir schon seit Jahren vor, uns einmal zu treffen – zum Beispiel auf dem Schlampenfest in Nürnberg. Aber das hat nie geklappt. Entweder hatte eine von uns keine Zeit, kein Geld oder war krank.

Ab Weihnachten 2008 wurde es dann konkreter.

Kuschy sagte, es würde mich besuchen wollen.
Wir haben geschaut, wann es passt.

Und irgendwann stand fest: Februar.

👉 Weiterlesen

Der Anfang war 2005.
In Mannheim wurde daraus ein Doppelleben.
In München hatte ich zum ersten Mal Raum – aber alles blieb getrennt.

→ Der Anfang:
18. Mai 2005 – das erste Mal richtig ich

→ Der Weg dahin:
2005–2006: Wochenend-Anna, Travesta & Doppelleben

→ Wendepunkt:
München 2009 – als Kuschy plötzlich real wurde

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