München 2009: Fernbeziehung & Wendepunkt
Das erste Wochenende
Im Februar 2009 war ich am Hauptbahnhof in München verabredet. Ich kam direkt von der Arbeit in der Elsenheimerstraße, auf dem Weg nach Hause zum Michaelibad lag der Hauptbahnhof ohnehin auf der Strecke.
Ich kam die Treppe von der U4/U5 hoch – und dann stand es da.
Der Zug war früher da als geplant. Ich war pünktlich.
Damals, als die Bahn noch pünktlich war.
Baseballjacke, Cap, sichtbar nervös, ein bisschen verloren wirkend. Kein souveräner Auftritt, eher das Gegenteil. Aber irgendwie hatte das auch etwas Ehrliches.
Wie sich später herausstellte, hatte es ernsthaft die Sorge, dass ich es einfach sitzen lasse.
Wir sind zusammen in die U-Bahn und zu mir gefahren. Das Gespräch war zäh. Ich habe versucht, es in Gang zu bringen, habe ihm erst einmal ein Bier hingestellt. Mit der Zeit wurde es besser. Die Nervosität blieb, aber sie wurde greifbarer.
Damals war für uns vieles noch nicht so klar benannt wie heute. „Non-binär“ war kein Begriff, den wir benutzt hätten. Es war dieses Dazwischen – mal „sie“, mal „er“, manchmal auch „es“. Für mich war es eher eine Butch, während ich die femme war.
Abends sind wir in den „Dicken Mann“, ein Brauhaus. Essen, ein bisschen reden, einfach schauen, was passiert. Es war vorsichtig, tastend, ohne klare Richtung.
Geschlafen haben wir getrennt. Ich im Bett, es auf der ausgezogenen Couch.
Am nächsten Morgen sind wir ins Weiße Bräuhaus in Berg am Laim zum Brunch. Weißwürste, Leberkäse, alles, was dazugehört.
Und dann schaute es in den Gastraum und sagte zu mir:
„Wow, das ist ja krass. Sowas kenne ich nicht.“
Gemeint war das riesige Jesuskreuz, das dort hing. Für mich als Bayerin war das völlig normal. Für es war es beeindruckend.
Danach ging es zu Angermaier. Lederhose kaufen. Die Verkäuferin war kurz irritiert, hat sich dann aber einfach darauf eingelassen. Am Ende stand da ein komplettes Outfit: Hirschlederhose, Hemd, Haferlschuhe.
Zurück bei mir habe ich mich fertig gemacht. Drei Stunden Routine. Duschen, rasieren, schminken, Haare. Es saß im Wohnzimmer und hat gewartet.
Als ich fertig war und rausgekommen bin, hat es mich angeschaut und nur gesagt:
„Wer hat dich denn reingelassen?“
Wir sind danach ins Glockenbachviertel gefahren. Eine queere Bar mit roten Samtvorhängen, Hochtisch, kleine Bierflaschen. Ich habe versucht, ein Gespräch zu führen. Es wurde immer schwieriger. Die Antworten wurden kürzer. Irgendwann waren es nur noch „ja“ oder „nein“.
Auf der Rolltreppe zur U-Bahn habe ich mir dann gedacht: Vielleicht ist es einfach nur nervös. Vielleicht findet es mich gut und weiß nicht, wohin mit sich.
Ich habe meinen Arm um seine Hüfte gelegt und mich zu ihm gedreht. Wenn es das nicht will, wird es schon reagieren.
Hat es nicht.
Wir haben uns geküsst. Intensiv. Unten angekommen noch einmal, während wir auf die Bahn gewartet haben. Und in diesem Moment hat sich etwas verschoben.
Bei mir zu Hause sind wir im selben Bett gelandet. Und zum ersten Mal hatte ich dabei das Gefühl, wirklich als Frau gesehen zu werden.
Am nächsten Morgen habe ich es zum Bahnhof gebracht. Der Zug hatte unterwegs eine Panne, es saß irgendwo fest. Irgendwann kam eine SMS:
„Ich hab was bei dir vergessen.“
Ich habe geschaut. Nichts gefunden.
„Was denn?“
„Mein Herz.“
Heute schämt es sich ein bisschen für diese Nachricht. Ich nicht.
Dazwischen: München und ein anderes Gefühl

Nach diesem Wochenende war nichts mehr neutral. Wir haben angefangen zu telefonieren. Erst vorsichtig, dann immer regelmäßiger.
Mein Leben in München lief weiter. Arbeit, Wohnung, Alltag. Ich war unterwegs, habe Dinge gemacht. Aber innerlich hatte sich etwas verschoben. Ich war nicht mehr wirklich offen. Da war schon jemand.
Berlin und der Beginn von „wir“

Eine Woche später haben wir uns wieder gesehen. Ich bin nach Berlin gefahren. Und danach noch einmal Ende Februar. Zwischendrin war es aber auch bei mir in München.
Die Dynamik war sofort wieder da. Nähe, Intensität, Körperlichkeit. Nichts musste neu aufgebaut werden.
Wenn wir uns gesehen haben, war alles verdichtet. Wir haben kaum selbst gekocht. Eigentlich nie. Stattdessen sind wir essen gegangen, waren unterwegs, haben uns diese Zeit bewusst schön gemacht. Es war kein Alltag – eher eine gemeinsame Auszeit.
Ein Bild und was es auslöst
Dieses eine Foto – das, wegen dem es mich überhaupt angeschrieben hatte – hatte für es eine besondere Bedeutung.
Ich fand es selbst immer etwas zu aufreizend. Und trotzdem war es Teil meiner damaligen Präsenz.
Ich habe ihm*ihr das Bild als Poster geschenkt.
Und zusätzlich eine Tasse mit genau diesem Motiv.
Die erste Tasse hat sich irgendwann ausgewaschen. Später kam eine zweite dazu – und die benutzt es heute noch.
Das war nicht einfach nur ein Gag. Das war ein Ausdruck davon, wie sehr es mich mochte.
„Flieg nie schneller als dein Schutzengel“
Bei einem der Abschiede am Flughafen hat es mir einen Brief mitgegeben. Ich sollte ihn erst im Flugzeug öffnen.
Darin war eine Klappkarte mit einem Engel. Außen der gedruckte Spruch:
„Fahr nicht schneller, als dein Schutzengel fliegen kann.“
Innen, auf der Seite, auf der man etwas dazuschreibt, stand von ihm*ihr:
„Ich liebe dich.“
Was ganz gut passte – auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt eher geflogen bin als gefahren.
Wochenenden statt Alltag

Unsere Beziehung bestand aus Wochenenden. Nicht aus allen, weil Schichtdienst vieles unmöglich gemacht hat.
Wenn wir uns gesehen haben, war es intensiv. Wenn nicht, haben wir telefoniert.
Ich bin oft nach Berlin gefahren. Mit einem Leihwagen, den ich über BlaBlaCar mitgenommen habe, um mir die Kosten zu teilen. Es kam nach München – mit dem Zug, aber auch oft mit dem Flugzeug, weil es günstiger war. Danach war es allerdings regelmäßig grün im Gesicht, weil ihm Fliegen nicht gut bekommen ist.
Wir haben uns diese Zeit bewusst schön gemacht. Viel unterwegs, viel essen, wenig Alltag.
Der Moment, der alles verschiebt

Irgendwann Anfang Mai haben wir telefoniert. Ganz normal. Und dann kam dieser Satz:
„Du, ich muss dir was sagen. Ich hab meinen Job und meine Wohnung gekündigt. Ich zieh zu dir.“
Ich war sofort drin.
„Was?“
„Echt jetzt?“
„Da hätten wir mal drüber reden können… vielleicht wäre Berlin für mich als trans Person sogar einfacher gewesen.“
Es war einer dieser Momente, in denen sich alles plötzlich beschleunigt.
Man sagt ja als Witz:
Was bringt eine Lesbe zum zweiten Date mit?
Einen Umzugswagen.
In unserem Fall war es nicht einmal ganz falsch.
Zwischenphase

Die Wochen danach waren ein Übergang. Wir haben uns weiter gesehen. In Berlin, in München.
Einmal waren wir auf einer trans Bootstour in Berlin. Viele seiner Freundinnen waren da. Und es war sichtbar stolz, mich dabei zu haben.
Umzug
Im August habe ich Urlaub genommen. Einen LKW organisiert und bin nach Berlin gefahren.
Die Wohnung war Chaos. Viel Zeug, wenig Struktur. Es fiel ihm schwer, Dinge wegzuwerfen. Ich habe verpackt, sortiert, organisiert.
Es war das erste Mal, dass Realität in diese Beziehung kam.
Ende der Fernbeziehung
Im August ist es nach München gezogen.
Aus Wochenenden wurde Alltag.
Aus Distanz wurde Nähe.
Und aus etwas, das sich wie ein Ausnahmezustand angefühlt hatte, wurde ein gemeinsames Leben.
👉 Weiterlesen
Der Anfang war 2005.
In Mannheim wurde daraus ein Doppelleben.
In München wurde daraus eine Beziehung.
→ Der Anfang:
18. Mai 2005 – das erste Mal richtig ich
→ Die Zeit davor:
2005–2006: Wochenend-Anna, Travesta & Doppelleben
→ Der Übergang:
Mannheim & Heidelberg 2007–2008 – Doppelleben
→ Davor:
München – ein Leben, das funktioniert hat
→ Wie es weiterging:
München – Zusammenziehen & Alltag (ab August 2009)
Liebe Anna. Eine wunderschöne Geschichte. Wenn ich nicht wüsste, dass Du Dein / Euer Leben beschreibst, könnte das aus einem Roman sein. Ich wünsche Euch ewige Liebe. 🤗❤️🍀
Vielen Dank für diesen wundervollen Kommentar