München 2009/2010: Mein Weg als trans Frau
Ein leises Ankommen

Die ersten Monate mit Kuschy waren nichts, was man von außen als großes Ereignis erkannt hätte.
Kein Knall, kein Wendepunkt, kein dramatischer Moment.
Es war eher dieses leise Ankommen.
Ich hatte plötzlich einen Ort, an dem ich einfach sein konnte.
Nicht nur theoretisch, nicht nur in Gedanken – sondern ganz konkret.
Zu Hause. In der Küche. Im Alltag. Und irgendwann auch draußen.
Zwischen vorsichtig und frei
Am Anfang war alles noch vorsichtig.
Ich habe mich ausprobiert, mal mehr, mal weniger – je nachdem, wie viel Mut ich an dem Tag hatte.
Manchmal komplett femme, manchmal nur ein bisschen, manchmal irgendwo dazwischen.
Und das Entscheidende war nicht, wie perfekt es war.
Sondern dass es egal war.
Kuschy hat sich nie für mich geschämt.
Nie versucht, mich kleiner zu machen oder zurückzuhalten.
Es war dieses stille Gefühl von:
Du kannst so sein.
Ein Abend vor dem Club
Natürlich waren wir auch ein paar Mal unterwegs.
Nicht oft, nicht exzessiv – aber ab und zu eben doch.
Und ein Abend vor einem queeren Club in München ist mir besonders hängen geblieben.
Wir standen unten, noch draußen, bevor wir überhaupt richtig drin waren.
Und da kamen zwei junge Typen auf mich zu. Ein bisschen tuntig, ein bisschen drüber – wie das halt manchmal ist.
Der eine beugte sich zu mir, schaute mich an und fragte in so einem leicht nasalen Ton:
„Bist du die Steffi?“
Währenddessen spielte er einfach mit den Spitzen meiner Haare, als wäre das völlig selbstverständlich.
Ich war in dem Moment eher überrascht als alles andere.
Und dann kam Kuschy dazu.
Hat kurz geschaut, die Situation erfasst – und dann ganz klar:
„Jetzt reicht’s hier aber.“
Kein großes Drama.
Aber eindeutig.
Die beiden haben noch so ein leicht genervtes „pah“ von sich gegeben
und sind dann abgezogen.
Später an dem Abend stand ich nochmal draußen.
Kuschy war kurz weg, irgendwo drin – Jacke holen, Toilette, irgendwas in der Richtung.
Und plötzlich stand ich wieder nicht allein da.
Diesmal waren es mehr.
Vier, fünf Typen, alle schwul, alle gut drauf.
Und diesmal war die Situation ganz anders.
Wir haben einfach geredet, ein bisschen gequatscht, gelacht.
Ganz entspannt.
Nichts Komisches, nichts Übergriffiges.
Einfach ein Moment.
Und dann kam Kuschy zurück.
Hat mich gesehen, kurz die Situation gescannt –
und mich dann einfach da rausgezogen.
Nicht grob, nicht panisch.
Aber bestimmt.
Und meinte nur:
„Dich kann man auch nirgends alleine lassen.“
Ich musste lachen.
Weil beides gleichzeitig wahr war.
Dass ich mich in solchen Momenten noch nicht richtig einordnen konnte –
und dass ich gleichzeitig schon mittendrin war.
Petra
In dieser Zeit war auch Petra immer wieder Teil unseres Lebens.
Sie war Professorin, viel unterwegs, ständig zwischen Terminen, Städten und Verpflichtungen.
Und trotzdem hat sie sich Räume genommen, in denen sie einfach sie selbst sein konnte.
Nach Meetings, nach Reisen, irgendwo zwischen Alltag und Freiheit.
Es war nie laut.
Aber es war konsequent.
Und ich glaube heute, dass ich damals schon gespürt habe:
Da ist jemand, der etwas lebt, das ich gerade erst beginne zu verstehen.
Morgens joggen, abends ich


Unser Alltag hatte gleichzeitig etwas sehr Bodenständiges.
Ich bin morgens oft mit Susi joggen gegangen.
Frische Luft, Bewegung, Gespräche, die einfach passieren durften.
Ich war damals leicht.
Körperlich wie im Kopf.
Susi wusste von Anna.
Und es war kein großes Thema.
Währenddessen hat sich etwas verschoben.
Ich war immer öfter Frau.
Nicht mehr nur abends oder geplant, sondern zwischendrin.
Im Leben.
Es gab in dieser Zeit viel mehr Momente, in denen ich einfach ich war.
En femme unterwegs, draußen, unter Menschen.
Aber davon existieren kaum Bilder.
Nicht, weil es sie nicht gab –
sondern weil die Technik damals einfach eine andere war.
Smartphones mit guten Kameras gab es noch nicht.
Man hat nicht ständig alles dokumentiert.
Vieles ist nur Erinnerung geblieben.
Und vielleicht macht genau das diese Zeit heute so besonders.
Ein kleiner Schritt, der keiner war
Irgendwann habe ich angefangen, Dinge einfach zu tun.
Ich habe mir Ohrlöcher stechen lassen.
Ich sehe mich noch beim Juwelier sitzen,
wie sie kurz innehält und fragt:
„Beide?“
Und ich einfach sage:
„Ja, beide.“
Ein kleiner Moment.
Aber für mich war er riesig.
Danach bin ich mit den Trainingssteckern ganz selbstverständlich in die Arbeit gegangen.
Nicht als Statement.
Sondern weil ich gemerkt habe:
Ich verstecke mich nicht mehr.
Unsere Wiesn

Und dann kam die Wiesn.
Zuerst ganz unspektakulär.
Unter der Woche, direkt nach der Arbeit.
Keine Zeit, mich groß fertig zu machen.
Einfach hinsetzen. Maß bestellen.
Und trotzdem war da dieses Gefühl:
Es passt.
Ein paar Tage später sind wir nochmal gegangen.
Diesmal anders.
Ich hatte mir Zeit genommen.
Dirndl, Make-up, alles so gut, wie ich es damals konnte.
Und plötzlich war da kein „ich falle auf“.
Ich war einfach da.
Wir saßen nebeneinander, haben angestoßen, gelacht.

Und immer wieder dieser Blick von Kuschy.
Kein Zögern.
Kein Hinterfragen.
Nur dieses ruhige Gefühl:
Das ist genau richtig so.
Diese Abende hatten nichts von Unsicherheit.
Kein Verstecken.
Kein vorsichtiges Abwägen.
Es war laut, voll, chaotisch –
und gleichzeitig einer der wenigen Orte, an denen ich mich komplett selbstverständlich gefühlt habe.
Und es war nah.
Ein Arm um mich.
Ein Kuss zwischendurch.
Dieses Zusammensein mitten unter Menschen, ohne Erklärung.
Einfach wir.

Was geblieben ist
Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke,
denke ich nicht in einzelnen Ereignissen.
Ich denke in einem Gefühl.
Freiheit.
Noch nicht vollständig.
Noch nicht ohne Zweifel.
Aber da.
Ich hatte jemanden an meiner Seite,
der mich nicht nur akzeptiert hat.
Sondern mochte.
Und ich habe angefangen, mich nicht mehr nur zu verstecken,
sondern zu zeigen.
Noch vorsichtig.
Aber immer öfter.
Ich wusste damals noch nicht, wohin das führen würde.
Aber ich habe gespürt:
Es bewegt sich etwas.
Und dass das hier erst der Anfang war.
👉 Weiterlesen
Diese Zeit war der Moment, in dem sich alles leichter angefühlt hat.
Aber genau da begann auch etwas, das ich damals noch nicht verstanden habe.
→ Der Anfang von allem:
18. Mai 2005 – das erste Mal richtig ich
→ Wie es weiterging:
2005–2006 – Wochenend-Ich und Doppelleben
→ Der Weg dorthin:
Mannheim & Heidelberg 2007–2008 – Doppelleben
→ Ein Leben, das funktioniert hat:
München – ein Leben, das funktioniert hat
→ Der Wendepunkt:
München 2009 – Fernbeziehung
→ Zuhause:
München 2009–2010 – Als aus uns ein Zuhause wurde
Danach:
→ Wie es weitergeht:
Juni 2010 – mit Korsett zurück ins Leben
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