Anna sitzt mit Korsett nach einem Wirbelbruch in einem Café und schaut eine Freundin an
Kurz nach dem Krankenhausaufenthalt. Mit Korsett wieder draußen – ein Moment zwischen Alltag und Unsicherheit.

Juni 2010 – mit Korsett zurück ins Leben

· 4 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

Ein geplanter Anfang

Ich hatte eigentlich einen ganz anderen Plan.

Ich hatte bei GULP gekündigt, noch ein paar Tage Resturlaub bis Ende Mai.
Ab dem 1. Juni sollte es bei GFT losgehen. Neuer Job, neuer Abschnitt.

Ich hatte sogar schon Spargel gekauft.
Und ich wollte Kuchen backen – für die neuen Kolleg*innen.

So fängt man ja an.
Ordentlich. Durchdacht. Erwachsen.

Warum ich gegangen bin

Der Job bei GULP war am Ende vor allem eines: Druck.

150 Calls im Monat. Zahlen, die erfüllt werden mussten – egal, ob dabei etwas Sinnvolles herauskam.

Ich hatte mehrere Freelancer erfolgreich platziert.
Eigentlich genau das, worum es ging.

Aber gezählt hat das kaum.

Stattdessen kam immer wieder derselbe Satz:
„Du musst deine Zahlen erfüllen.“

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr für das arbeite, was ich eigentlich gut konnte,
sondern nur noch für eine Zahl.

Das war der Punkt, an dem ich gegangen bin.

Ein kleiner Umweg

Einen Tag vor dem neuen Job wollte ich nur noch kurz einkaufen.

Nichts Besonderes. Ein paar Zutaten, vielleicht noch etwas für den Kuchen.
Ein letzter, ganz normaler Tag, bevor alles neu anfangen sollte.

Ich ging über den Balkon ins Treppenhaus.
Und dann hörte ich den Nachbarn, der die Treppe aus der Tiefgarage hochkam.

Ich weiß noch genau, was ich dachte:

Bitte jetzt nicht.
Nicht so.

Ich war nicht auffällig.
Aber auch nicht eindeutig.

Ein bisschen Make-up.
Leggings, Longsleeve, Stiefel.
Nude lackierte Nägel.

Irgendwo dazwischen.

Genug, um mich unwohl zu fühlen.

Also bin ich nicht in die Tiefgarage gegangen.
Sondern raus vor das Haus – und von außen wieder runter.

Ein kleiner Umweg.

Der Sturz

Es hat leicht geregnet.

Die Treppe zur Garage war aus Marmor, die Anti-Rutsch-Streifen schon glatt gelaufen.
Meine Sohlen waren nass.

Ein falscher Schritt.

Und plötzlich war ich weg.

Ich rutschte nach hinten, fiel direkt auf den Rücken.
Der Schmerz war sofort da. Klar. Eindeutig.

Kein Zweifel, dass das nichts Kleines ist.

Krankenhaus

Ich habe mich irgendwie wieder hochgekämpft, bin zurück in die Wohnung, habe mich abgeschminkt und umgezogen.
Nur die Nägel habe ich gelassen.

Als Kuschy nach Hause kam, sind wir zusammen ins Krankenhaus gefahren.
Mit der U-Bahn. Stehen ging nur, wenn ich komplett gerade blieb.

Dort ging alles schnell.

Nicht mehr laufen.
Hinlegen.
Röntgen.

Am Ende: ein gebrochener Wirbel.

Keine OP.
Aber ein Korsett. Wochenlang.

Ich wurde aufgenommen.

Kuschy stand noch da, als klar war, dass ich bleiben muss.
Und sagte nur:

„Ich will dich aber nicht hier lassen.“

Mehr war in dem Moment eigentlich nicht wichtig.

Stillstand

Ich habe dort nicht groß reflektiert.

Ich war einfach da.

Und ich hatte Angst – nicht vor dem Bruch, sondern davor, was das jetzt für den neuen Job bedeutet.

Einen Tag später hätte ich bei GFT anfangen sollen.
Mit Kuchen. Mit einem neuen Anfang.

Stattdessen habe ich aus dem Krankenhaus angerufen.

Sie haben mich zum Glück nicht fallen lassen.
Aber dieser Start war anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte.

Zurück draußen

Irgendwann ging es wieder raus.

Mit medizinischem Korsett. Sichtbar.
Nicht zu verstecken.

Wir saßen draußen, Menschen um uns herum, ganz normales Leben.
Und ich mittendrin.

Anna nach dem Krankenhaus mit Korsett steht draußen mit Petra und Kuschy an einem Sommerabend

Und gleichzeitig war da etwas, das ich damals noch nicht benennen konnte.

Was ich heute darin sehe

Wenn ich heute darauf zurückschaue, wird mir etwas klar.

Der Sturz war kein Zufall.
Nicht im technischen Sinne.

Ich bin nicht gefallen, weil ich nicht laufen konnte.

Sondern weil ich einen Umweg gegangen bin.

Und diesen Umweg bin ich gegangen, weil ich mich in dem Moment nicht zeigen wollte.

Es ging weiter

Das Leben lief weiter.

Nicht geradlinig.
Nicht geplant.

Aber es lief.

Und vieles von dem, was später wichtig wurde, war damals schon da.
Nur noch nicht ausgesprochen.

👉 Weiterlesen

Diese Zeit war der Moment, in dem sich alles leichter angefühlt hat.
Aber genau da begann auch etwas, das ich damals noch nicht verstanden habe.

→ Der Anfang von allem:
18. Mai 2005 – das erste Mal richtig ich

→ Wie es weiterging:
2005–2006 – Wochenend-Ich und Doppelleben

→ Der Weg dorthin:
Mannheim & Heidelberg 2007–2008 – Doppelleben

→ Ein Leben, das funktioniert hat:
München – ein Leben, das funktioniert hat

→ Der Wendepunkt:
München 2009 – Fernbeziehung und Wendepunkt

→ Zuhause:
München 2009–2010 – Als aus uns ein Zuhause wurde

→ Wie es sich angefühlt hat:
München 2009–2010 – Mein Weg als trans Frau

Was danach kam, war kein klarer Neuanfang.
Sondern ein langsames Dazwischen.

Ein Leben, das irgendwie weiterlief –
mit neuen Versuchen, neuen Rollen
und immer wieder dem Gefühl, noch nicht ganz angekommen zu sein.

👉 Im nächsten Teil.

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