2010–2012 – Zwischen Freiheit und Wirklichkeit
Zurück im Leben
Irgendwann war das Krankenhaus vorbei.
Das Korsett blieb noch eine Weile,
aber ich war wieder draußen.
Wieder zu Hause.
Wieder mitten im Alltag.
Und gleichzeitig war nichts mehr so wie vorher.
Diese Wochen hatten etwas verändert.
Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Aber nachhaltig.
Ich hatte plötzlich Zeit gehabt.
Keine Arbeit. Kein Anzug. Keine Rolle, die jeden Morgen geschniegelt funktionieren musste.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war einfach Raum da.
Raum für mich.
Die ersten kleinen Schritte
Ich habe irgendwann ein Nagelstudio angerufen.
French Nails.
Nichts Wildes.
Nichts Auffälliges.
Aber für mich war es riesig.
Ich weiß noch, dass ich danach ständig auf meine Hände geschaut habe.
Nicht aus Eitelkeit.
Eher aus einer Mischung aus Freude und Nervosität.
Als würde ich etwas tun, das ich eigentlich nicht durfte.
Ich blieb dann auch dabei.
Bis 2012 hatte ich praktisch durchgehend Gelnägel.
Tagsüber oft matt oder neutral lackiert, damit sie nicht sofort auffielen.
Aber sie waren da.
Und ich wusste es.
Mehr ich
Ich hatte plötzlich Zeit.
Und ich habe sie genutzt.
Nicht bewusst strategisch.
Nicht mit einem großen Plan.
Ich war einfach immer öfter weiblich unterwegs.
Mal sichtbar feminin.
Mal androgyn.
Mal einfach irgendwo dazwischen.
Mein Eheenby mochte das sowieso lieber.
Und ich glaube, genau deshalb war diese Zeit für uns beide gleichzeitig so leicht und so gefährlich.
Leicht, weil ich mich wohler gefühlt habe.
Gefährlich, weil ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr wirklich zurück konnte.
Weg von der Perücke
Irgendwann habe ich angefangen, die Perücke wegzulassen.
Ich ließ meine Haare wachsen.
Und irgendwann ging ich zu einer Friseurin in der Kreillerstraße.
Etwas älter.
Beim ersten Mal schaute sie kurz irritiert, als ich einfach sagte:
„Damenfrisur.“
Aber danach entstand langsam ein Vertrauensverhältnis.
Sie blondierte mir die Haare.
Schnitt sie feminin.
Und behandelte mich irgendwann einfach selbstverständlich so, wie ich dort auftauchte.
Nicht mehr „als Frau verkleidet“.
Sondern langsam einfach ich.
Es war keine perfekte Weiblichkeit.
Keine Instagram-Transition.
Eher ein langsames Annähern.

Sichtbar – und trotzdem versteckt
Ich war damals oft draußen unterwegs.
Mit meinen echten Haaren.
Teilweise ohne Make-up.
Oft weiblich gekleidet, aber nicht komplett eindeutig.
Und trotzdem war immer Angst dabei.
Die Angst, erkannt zu werden.
Die Angst, dass jemand etwas sagt.
Die Angst, dass plötzlich jemand versteht, was ich selbst noch nicht richtig greifen konnte.
Aber gleichzeitig ging es ohne auch nicht mehr.
Das war das Verrückte daran.
Damenjeans und Hoodies
Irgendwann wurde das alles einfach Alltag.
Ich trug praktisch nur noch Damenjeans von Esprit.
Dazu Hoodies oder Oberteile aus der Damenabteilung – aber eben solche, die nicht sofort auffielen.
Nichts Schrilles.
Nichts Lautes.
Ich wollte nicht provozieren.
Ich wollte einfach nur ich sein.
Oder wenigstens so nah dran wie möglich.

Der Versuch, wieder normal zu werden
Ende August, Anfang September ging es zurück in den Alltag.
GFT.
Eigentlich ein guter Job.
Eigentlich eine Chance.
Aber ich war nicht mehr dieselbe Person wie davor.
Ich habe versucht zu funktionieren.
Morgens aufstehen.
Hingehen.
Leistung bringen.
Aber ich habe gemerkt, dass mir etwas entglitten ist.
Nicht körperlich.
Innerlich.
Probezeit
Irgendwann kam dann das Ende.
Noch in der Probezeit.
Kein großer Streit.
Kein Drama.
Ich habe einfach gemerkt, dass ich meinen Arsch nicht mehr hochbekommen habe.
Damals hätte ich das nie mit Geschlechtsdysphorie erklärt.
Heute sehe ich das anders.
Ich hatte zum ersten Mal erlebt, wie es sich anfühlt, näher bei mir selbst zu sein.
Und danach wieder komplett in ein altes Leben zurückzugehen, hat einfach nicht mehr funktioniert.
Ein neuer Weg
Danach stand ich erst mal bei der Arbeitsagentur.
Kein richtiger Plan.
Keine klare Richtung.
Und dann habe ich am 30. Dezember 2010 – am letzten möglichen Tag – eine Ich-AG gegründet.
Eigentlich aus der Not heraus.
Im Nachhinein war es wahrscheinlich einer der wichtigsten Schritte meines Lebens.
Dadurch bin ich überhaupt erst richtig in die Softwareentwicklung gekommen.
Erst PHP.
Dann später Ruby.
Nicht geplant.
Nicht strategisch.
Einfach passiert.
München
Das Verrückte ist:
Mir war damals gar nicht klar, wie gut mein Leben in München eigentlich funktioniert hat.
Nicht perfekt.
Nicht sorgenfrei.
Aber ich hatte Raum.
Ich hatte meine Selbstständigkeit.
Aufträge kamen rein.
Ich hatte ein funktionierendes Netzwerk.
Und ich war alleine verantwortlich.
Das mochte ich.
Ich wusste, was ich kann.
Und ich wusste auch, dass ich Dinge genau so umsetzen konnte, wie ich sie haben wollte.
Niemand, der ständig reinredet.
Niemand, der mich kontrolliert.
Und gleichzeitig hatte ich in München etwas anderes, das ich erst später richtig verstanden habe:
Raum für meine Transidentität.
Nicht komplett offen.
Nicht angstfrei.
Aber genug, um langsam ich selbst zu werden.
Groß genug, um manchmal einfach unterzugehen.
Groß genug, um irgendwo dazwischen existieren zu können.
Und ohne meine Mutter ständig in Reichweite.
Ich bereue den Umzug nach Augsburg bis heute.
Ich hätte in München bleiben sollen.
Aber damals wusste ich das nicht.
Und dann Augsburg
2012 kam die nächste große Veränderung.
Kuschy wollte eine Ausbildung zur MTLA machen.
Die Schule in München, die kostenlos gewesen wäre, wollte es nicht.
Der nachgemachte Realschulabschluss über die Abendschule in Berlin war ihnen nicht genug.
Also mussten wir überlegen, wie es weitergeht.
Und am Ende bedeutete das:
Augsburg.
Ab August 2012.
Ich dachte, das nehme ich einfach mit
Für mich fühlte sich der Umzug damals nicht wie ein Abschied an.
Eher wie:
Wir ziehen halt um.
Und das Leben geht weiter.
Ich dachte wirklich, dass ich das einfach mitnehme.
Die Freiheit.
Das Dazwischen.
Diese langsam wachsende Nähe zu mir selbst.
Dass das einfach weitergeht.
Was ich damals noch nicht wusste
Heute weiß ich:
München hatte mir viel mehr gegeben, als ich damals verstanden habe.
Und manches davon habe ich erst bemerkt, als es plötzlich nicht mehr da war.
👉 Weiterlesen
→ Der Anfang von allem:
18. Mai 2005 – das erste Mal richtig ich
→ Wie es weiterging:
2005–2006 – Wochenend-Ich und Doppelleben
→ Der Weg dorthin:
Mannheim & Heidelberg 2007–2008 – Doppelleben
→ Ein Leben, das funktioniert hat:
München – ein Leben, das funktioniert hat
→ Der Wendepunkt:
München 2009 – Fernbeziehung und Wendepunkt
→ Zuhause:
München 2009–2010 – Als aus uns ein Zuhause wurde
→ Wie es sich angefühlt hat:
München 2009–2010 – Mein Weg als trans Frau
→ Was danach kam (dieser Post):
2010–2012 – Zwischen Freiheit und Wirklichkeit
Ein Leben, das irgendwie weiterlief –
mit neuen Versuchen, neuen Rollen
und immer wieder dem Gefühl, noch nicht ganz angekommen zu sein.
👉 Im nächsten Teil.
→ Augsburg 2012–2013 – Wie ich mich wieder verloren habe
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