Anna im Aufzug auf dem Heimweg nach einem langen Arbeitstag in München
Auf dem Heimweg nach einem langen Arbeitstag in München. Kurz bevor der Sommerregen in Augsburg komplett eskaliert ist.

Heimweg zwischen Regen, Bahnhof und Wachsamkeit

· 3 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

Eigentlich war es einfach nur ein langer Arbeitstag. Ein Heimweg zwischen Sommerregen, Weißwein im Pappbecher und jener Wachsamkeit, die viele Frauen kennen.

Ich bin spät aus München los. Statt sieben Stunden wurden es über achteinhalb. Irgendwann U-Bahn, Hauptbahnhof, vollgepackter Zug Richtung Augsburg. Schönstes Wetter draußen, dieses warme Sommerabend-Licht, bei dem man denkt, der Tag endet wenigstens angenehm.

Im Zug schreibt mir die andere Anna, die ich seit meiner ersten gaOP kenne. Sie lebt auch in Augsburg und arbeitet ebenfalls in München. Kurz sah es so aus, als würden wir zusammen fahren, aber sie hing noch in Pasing fest und musste etwas erledigen. Hat dann doch nicht gepasst.

Also allein heim.

Kaum steige ich in Augsburg aus dem Zug aus, kippt das Wetter komplett. Platzregen. Nicht „bisschen nass werden“, sondern sofort komplett durchnässt sein. Keine Chance sinnvoll zur Tram zu kommen.

Also rein zum Yormas.

Ich kaufe mir einen kleinen Weißwein, 0,2. Frage noch vorsichtig nach, ob die Tische draußen zu Yormas oder zum Bäcker gehören. Die Kassiererin freundlich: passt schon. Sie gibt mir sogar einen Pappbecher dazu.

Anna sitzt mit einem Weißwein im Pappbecher am Augsburger Hauptbahnhof und wartet den Regen ab
Weißwein im Pappbecher, Sommerregen am Augsburger Hauptbahnhof und kurz einfach nur durchschnaufen.

Ich setze mich an einen der freien Tische.

Kurz darauf kommt eine ältere Dame und fragt höflich, ob sie sich dazusetzen darf. Natürlich. Sie isst einen Schweizer Wurstsalat vom Balletshofer, draußen prasselt der Regen runter und wir ratschen einfach ein bisschen über belanglosen Alltagskram.

Eigentlich war das ein ziemlich schöner kleiner Moment.

So ein typischer Bahnhofs-Zwischenraum. Fremde Menschen. Keiner kennt den anderen. Und trotzdem kurz menschlich.

Irgendwann wird der Regen schwächer und ich mache mich Richtung Straßenbahn auf. In der einen Hand die leere Weinflasche, in der anderen der halbleere Pappbecher.

Und dann beginnt dieser Teil des Abends, der leider für viele Frauen völlig normal ist.

Ein Typ läuft plötzlich neben mir her. Fragt, wo ich herkomme. Smalltalk. Erst noch harmlos. Dann Kaffee trinken? Ich lehne freundlich ab. Telefonnummer? Wieder freundlich nein. Dann nochmal. Und nochmal. Wie wir denn in Kontakt bleiben könnten.

Ich werde nicht laut. Nicht unfreundlich. Aber innerlich schon genervt.

An der Haltestelle stehen alle eng im Häuschen, weil es noch windig ist. Die 6er hat noch acht Minuten.

Ich stehe neben einem älteren Mann. Erst einfach nur Smalltalk. Das Wetter. Die Tram. Belangloses Zeug. Dann erwischt der Wind mein Kleid, ich drücke den Rock wieder runter und klemme ihn irgendwann einfach zwischen die Beine, damit Ruhe ist.

„Des gfallt m’r“, sagt er.

Und irgendwann dann:
„Bisch du halb Mann und halb Frau? Oder bisch du a Må?“

Ich schaue ihn an und sage einfach:
„Nein. Eine Frau.“

Mehr wollte ich dazu nicht sagen.

Ab da wollte ich eigentlich nur noch heim.

Der ältere Mann musste leider auch in die 6er. Ich habe mich direkt strategisch neben eine andere Frau gesetzt, damit er sich nicht neben mich setzen kann. Er hat sich trotzdem in meine Nähe gesetzt. Zum Glück ist er früher ausgestiegen.

Und während objektiv „nichts passiert“ ist, saß dieses Gefühl trotzdem schon längst im Körper.

Dieses permanente Wachsein.
Freundlich bleiben.
Nicht eskalieren.
Situationen lesen.
Plätze wählen.
Nein sagen, ohne aggressiv zu wirken.
Hoffen, dass Menschen Grenzen einfach akzeptieren.

Daheim habe ich erst mal mein Enby lange umarmt.

Dann nochmal.

Und später nochmal.

Ich habe alles erzählt. Den Regen. Den Wein im Pappbecher. Die nette ältere Dame mit ihrem Wurstsalat. Den penetranten Typen. Den anderen mit dem Kommentar über mein Kleid. Das „halb Mann halb Frau“.

Eigentlich war es einfach nur ein Heimweg.

Aber manchmal reicht ein einziger Abend, um wieder zu merken, wie anstrengend Öffentlichkeit sein kann, wenn man einfach nur als Frau existieren und nach Hause fahren möchte.

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