Selfie von mir in meiner ersten Augsburger Wohnung im Jahr 2012. Mit blondierten Locken, Brille und schwarzem Oberteil – eine Zeit zwischen Ankommen und Selbstfindung.
Eines der wenigen Fotos von mir aus den ersten Monaten in Augsburg. Damals ahnte ich noch nicht, wie sehr sich mein Leben in den kommenden Jahren verändern würde.

Augsburg 2012–2013: Ein Neuanfang mit Folgen

· 5 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

Ein neuer Anfang

Als wir im August 2012 nach Augsburg zogen, fühlte sich das überhaupt nicht wie ein großer Einschnitt an.

Im Gegenteil.

Ich dachte damals, wir würden einfach unser Leben aus München einpacken und an einem anderen Ort wieder auspacken.

Neue Wohnung. Neue Stadt.

Aber ansonsten sollte alles so weitergehen wie bisher.

Rückblickend weiß ich, dass ich mich selten so geirrt habe.

Eigentlich wäre ich gerne in München geblieben. Ich mochte unser Leben dort. Wir hatten uns etwas aufgebaut. Ich hatte langsam meinen Platz gefunden und zum ersten Mal das Gefühl, dass Anna überhaupt Raum in meinem Alltag bekam.

Trotzdem sprach damals vieles für Augsburg.

Mein Eheenby wollte eine Ausbildung zur MTLA machen. Die Schule in München hätte zwar kein Schulgeld gekostet, erkannte den an der Berliner Abendschule erworbenen mittleren Schulabschluss aber nicht an. Also blieb praktisch nur Augsburg.

Dort kostete die Ausbildung zwar – wenn ich mich richtig erinnere – rund 300 bis 400 Euro im Monat. Im ersten Moment klingt das völlig unlogisch. Warum zieht man für eine kostenpflichtige Schule um?

Wir haben damals einfach gerechnet.

Unsere Wohnung in Augsburg war rund zehn Quadratmeter größer und gleichzeitig etwa 200 Euro günstiger als unsere Münchner Wohnung. Dazu sparten wir uns das teure Zugticket zwischen Augsburg und München, das sonst jeden Monat rund 250 Euro gekostet hätte. Für den Weg zur Schule reichte später ein AVG-Ticket. Ich selbst pendelte ohnehin regelmäßig nach München und konnte diese Fahrten steuerlich berücksichtigen.

Unterm Strich war Augsburg für uns die vernünftigere Entscheidung.

Also packten wir unser Leben in Kartons.

Der Abschied aus München verlief dann ungefähr so unspektakulär, wie viele Umzüge eben verlaufen.

Nur über die Toilettenschüssel wurde noch gestritten.

Unsere Vermieterin war überzeugt, wir hätten sie beschädigt. Hinten in der Keramik hatten sich feine Risse gebildet und für sie stand fest, dass wir irgendetwas Heißes hineingeschüttet haben mussten.

Wir waren völlig ratlos.

Erst als ich mit zwei Nachbarinnen sprach, stellte sich heraus, dass deren Toiletten dieselben Risse hatten. Offenbar war das einfach Material oder Alterung und hatte überhaupt nichts mit uns zu tun.

Heute muss ich darüber schmunzeln.

Damals war es einfach nur der letzte kleine Ärger, bevor wir München hinter uns ließen.

Die ersten Wochen in Augsburg fühlten sich sogar erstaunlich gut an.

Mein heutiges Eheenby sitzt 2012 in einem Biergarten oder Restaurant in Augsburg vor einem halb geleerten Bierglas und blickt nachdenklich zur Seite.
Einer unserer vielen gemeinsamen Abende in den ersten Monaten nach dem Umzug nach Augsburg.

Wir hatten eine schöne Wohnung gefunden.

Ich war wieder näher bei meinen Eltern.

Beruflich lief es ebenfalls. Meine conlance UG bestand weiter und Anfang 2013 begann ich zunächst als Freelancer bei The Mobility House. Von Anfang an war vereinbart, dass daraus nach einigen Monaten eine Festanstellung werden sollte. Im April wechselte ich schließlich als Ruby Developer fest ins Unternehmen.

Wenn mich damals jemand gefragt hätte, wie es läuft, hätte ich wahrscheinlich geantwortet:

„Eigentlich ganz gut.“

Und trotzdem gab es etwas, das ich damals noch nicht in Worte fassen konnte.

München hatte mir eine Freiheit gegeben, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie besaß.

Nicht, weil dort alle besonders offen gewesen wären.

Sondern weil München groß genug war.

Wenn ich dort mit Damenjeans, Gelnägeln oder etwas femininer gekleidet unterwegs war, interessierte das meistens niemanden. Ich konnte einfach irgendwo in der Masse verschwinden.

In Augsburg war das anders.

Nicht dramatisch.

Aber spürbar.

Plötzlich war da immer dieser Gedanke:

Was ist, wenn mich jemand kennt?

Alte Mitschülerinnen oder Mitschüler.

Bekannte meiner Eltern.

Irgendjemand aus Augsburg eben.

Es war keine Panik.

Eher ein ständiges Hintergrundrauschen.

Und genau das machte vieles plötzlich anstrengend.

Einer dieser Momente ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.

Ich trug einen pinken Sweater, kurze Shorts und Nylons. Für mich war das nichts Besonderes. Genau so war ich in München auch unterwegs gewesen.

Ein Nachbar sah mich.

Ein paar Tage später erfuhr ich, dass er sich deshalb bei der Hausverwaltung beschwert hatte.

Nicht wegen Lärm.

Nicht wegen Streit.

Nicht weil ich irgendjemanden belästigt hätte.

Sondern weil ich Frauenkleidung trug.

Der Hausverwaltung war das vollkommen egal.

Mir nicht.

Denn zum ersten Mal hatte ich wieder das Gefühl, beobachtet zu werden.

Und ich begann langsam, mich selbst zu beobachten.

Ich glaube, genau dort begann etwas, das ich damals überhaupt nicht bemerkte.

Ich hörte nicht auf, Anna zu sein.

Aber ich fing an, sie wieder kleiner zu machen.

Nicht bewusst.

Nicht aus Überzeugung.

Einfach, weil es einfacher schien.

👉 Weiterlesen

Diese Zeit begann mit der Hoffnung auf einen Neuanfang.

Doch das eigentliche Leben in Augsburg stellte uns schon bald vor ganz andere Herausforderungen.

→ Der Anfang von allem:
18. Mai 2005 – das erste Mal richtig ich

→ Wie es weiterging:
2005–2006 – Wochenend-Ich und Doppelleben

→ Der Weg dorthin:
Mannheim & Heidelberg 2007–2008 – Doppelleben

→ Ein Leben, das funktioniert hat:
München – ein Leben, das funktioniert hat

→ Der Wendepunkt:
München 2009 – Fernbeziehung und Wendepunkt

→ Zuhause:
München 2009–2010 – Als aus uns ein Zuhause wurde

→ Wie es sich angefühlt hat:
München 2009–2010 – Mein Weg als trans Frau

→ Nach dem Unfall:
Juni 2010 – mit Korsett zurück ins Leben

→ Zwischen Freiheit und Wirklichkeit:
2010–2012 – Zwischen Freiheit und Wirklichkeit

2010–2012 – Zwischen Freiheit und Wirklichkeit

Nach dem Umzug nach Augsburg glaubte ich noch, dass wir unser Leben einfach fortsetzen würden.
Stattdessen begann langsam eine Zeit, in der ich mich immer weiter von mir selbst entfernte.

👉 Im nächsten Teil:
Augsburg 2013 – Hochzeit, Verantwortung und die ersten Risse

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