Fotze, Fotzenrap und die Frage, wie eine „echte Frau“ reden darf
Fotze.
So, jetzt ist das Wort schon gefallen.
Seit ich auf Facebook geschrieben habe, dass ich mit Fotzenrap auf den Ohren und Blümchenkleid am Körper ins Büro fahre, scheint ein Teil meiner Kommentarspalte kollektiv den Sittlichkeitsverein von 1954 gegründet zu haben. Plötzlich ging es gar nicht mehr um meinen Freitag, mein Kleid oder darum, welche Musik ich höre, sondern um meinen Wortschatz, meinen Charakter und – natürlich – wieder einmal um die Frage, ob ich denn überhaupt eine „echte Frau“ sei.
Einige fanden das Wort einfach unschön. Das ist völlig legitim. Andere wurden deutlich grundsätzlicher. Eine „echte Frau“ würde so etwas nicht sagen, hieß es. Mein Wortschatz sei „asozial“ oder „Gossensprache“, ich solle mir meiner Vorbildfunktion bewusst sein, und überhaupt passe so ein Ausdruck nicht zu einer Frau, die sich hübsch zurechtmache. Besonders charmant fand ich die Variante, mir erst ein Kompliment für mein Blümchenkleid zu machen und anschließend betreten anzumerken, dieses eine Wort sei aber nun wirklich zu viel.
Dabei ist die Sache zunächst einmal ziemlich banal: Fotzenrap heißt nun mal Fotzenrap. Ich habe diese Bezeichnung weder erfunden noch beschlossen, dass Rap von Frauen möglichst vulgär benannt werden müsse. Der Begriff wird für expliziten, provokanten Rap von Frauen verwendet, in dem Sexualität, Körper, Lust, Macht und Selbstbestimmung ziemlich unverblümt vorkommen können. Wer diese Musik nicht mag, muss sie nicht hören. Wer den Begriff hässlich findet, darf ihn hässlich finden. Aber aus der Benennung eines Musikstils gleich eine Diagnose über meinen gesamten Wortschatz, meinen Charakter oder meine Weiblichkeit abzuleiten, ist schon eine bemerkenswerte Leistung.
Fotze ist nicht gleich Fotze
Zusätzliche Komik bekommt die ganze Aufregung für mich dadurch, dass ich Bayerin bin. Im Bairischen ist „Fotzen“ nämlich nicht ausschließlich das Schimpfwort, an das viele zuerst denken. Das Wort kann regional auch Mund oder Maul bezeichnen. Wer eine große Fotzen hat, redet viel oder frech. Wer eine Fotzen kriegt, bekommt keine gynäkologische Überraschung, sondern eine Watschn. Und auch in älteren und regionalen Zusammensetzungen begegnet einem das Wort in Bedeutungen, die mit dem heute dominierenden Schimpfwort nicht identisch sind.
Das macht die vulgäre Bedeutung nicht ungeschehen und natürlich ist nicht jede Verwendung harmlos. Genau das ist aber der Punkt: Sprache funktioniert nicht dadurch, dass ein Wort unabhängig von Situation und Sprecherin immer exakt dieselbe Bedeutung hat. Region, Kontext, Absicht und Adressat spielen eine Rolle. Wer bei einem einzelnen Wort sofort die moralische Sirene anwirft, ignoriert ausgerechnet das, was Sprache überhaupt erst verständlich macht.
Was Fotzenrap eigentlich meint
Unter Fotzenrap werden Künstlerinnen und Musik zusammengefasst, die bewusst explizit, sexuell, laut und provokant auftreten. Namen wie Ikkimel, Pintendari, Zsa Zsa, Katja Krasavice oder 6euroneunzig fallen in diesem Zusammenhang regelmäßig. Es geht gerade darum, Erwartungen daran zu unterlaufen, wie Frauen über Sex, Lust, Körper, Geld oder Macht sprechen dürfen.
Man muss das nicht mögen. Wirklich nicht. Niemand ist verpflichtet, explizite Texte gut zu finden oder das Wort „Fotze“ positiv für sich zu besetzen. Ich selbst muss mich übrigens auch nicht als „Fotze“ bezeichnen, nur weil ich Fotzenrap höre oder den Begriff benutze. Das eine folgt aus dem anderen überhaupt nicht.
Interessant wird es dort, wo Frauen einen Begriff, der lange vor allem gegen sie gerichtet wurde, selbst verwenden und ihm einen anderen Kontext geben. Das wird häufig als Reclaiming bezeichnet. Ein Schimpfwort wird dadurch nicht magisch harmlos, aber seine Funktion kann sich verändern. Aus einer Fremdzuschreibung kann eine selbstbewusste Aneignung werden, aus Beschämung Provokation oder Selbstbestimmung.
Wenn ein Mann einer Frau „du Fotze“ hinterherruft, ist das offensichtlich etwas anderes, als wenn Frauen einen Begriff für Musik verwenden, in der sie selbst mit genau solchen Zuschreibungen spielen. Wer beides für sprachlich identisch hält, tut so, als existierten Wörter ohne gesellschaftlichen Kontext. Das ist ungefähr so überzeugend wie mit einem Wörterbuch auf die Wirklichkeit einzuschlagen.
Wann ein Wort plötzlich zum Weiblichkeitstest wird
Mich interessiert an meiner Kommentarspalte deshalb inzwischen weniger, dass manche Menschen das Wort hässlich finden. Viel interessanter ist, wie schnell daraus ein Test für Weiblichkeit geworden ist.
Eine Frau rede nicht so, hieß es. Eine Frau in meinem Alter solle Eleganz ausstrahlen. Eine „richtige Frau“ brauche solche Provokationen nicht. Und irgendwann wurde aus der Sprachkritik sogar eine komplette Gebrauchsanweisung für die „wirkliche Lady“: die richtigen Schuhe zum Kleid, die richtige Handtasche, die richtige Haarfarbe, die richtigen Augenbrauen, das richtige Augen-Make-up.
Ausgerechnet bei meinen Augenbrauen wurde es besonders lustig, weil die permanent gemacht sind. Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Selbst wenn jemand meine Schuhe hässlich, meine Tasche unpassend oder mein Make-up unvorteilhaft findet, bleibt das persönlicher Geschmack. Daraus wird keine objektive Vorschrift dafür, wie eine Frau auszusehen hat.
Genau dieses Denken ist ein erstaunlich altes Frauenbild in neuer Verpackung. Frauen sollen gepflegt sein, aber nicht eitel. Attraktiv, aber nicht zu sexuell. Selbstbewusst, aber nicht laut. Humorvoll, aber nicht derb. Sie dürfen auffallen, solange sie dabei angenehm bleiben. Und selbstverständlich dürfen sie ihre Meinung sagen – möglichst aber so, dass sich niemand davon gestört fühlt.
Besonders aufschlussreich wurde die Diskussion, als selbst Ikkimel plötzlich bescheinigt wurde, sie sei wegen ihres Auftretens irgendwie „weniger Frau“. Da wird sichtbar, dass es eben nicht nur um trans Frauen geht. Sobald auch eine cis Frau aus dem erwarteten Rollenbild fällt, wird ihr Weiblichkeit abgesprochen oder zumindest abgesprochen, sie „richtig“ zu verkörpern.
Dann haben wir keine Debatte mehr über Biologie. Dann haben wir Benimmunterricht.
Für trans Frauen kommt noch eine zusätzliche Prüfung dazu
Bei trans Frauen wird aus Kritik am Verhalten besonders schnell Kritik an der Identität. Wenn eine cis Frau vulgär redet, ist sie für manche eben vulgär. Wenn eine trans Frau dasselbe tut, wird daraus plötzlich: „Siehst du, keine echte Frau.“
Damit entsteht eine merkwürdige Zusatzprüfung: Ich soll nicht nur weiblich genug aussehen, sondern offenbar auch weiblich genug sprechen, weiblich genug Musik hören, weiblich genug altern, weiblich genug Schuhe auswählen und weiblich genug meine Handtasche kombinieren.
Das ist schon deshalb absurd, weil cis Frauen all diese Dinge ebenfalls vollkommen unterschiedlich machen. Es gibt keine geheime Frauenprüfung, bei der jemand am Ende Häkchen für Ballerinas, gezupfte Augenbrauen, dezentes Make-up und ausreichend zurückhaltenden Wortschatz verteilt.
Frauen sind keine Stilrichtung.
Ich schulde niemandem Cis-Passing
In denselben Diskussionen taucht dann gern noch das berühmte „Man sieht es doch“ auf. Auch das ist ein bemerkenswertes Konzept, weil Menschen aus einem einzigen Foto plötzlich meine medizinische Geschichte, meinen Körper und meinen gesamten Transitionsverlauf ableiten wollen.
Nein, kann man nicht.
Man kann auf einem Bild Merkmale sehen und sie interpretieren. Mehr nicht. Und selbst wenn jemand mich als trans erkennt, ist das kein Gegenargument gegen meine Identität. Ich schulde niemandem perfektes Cis-Passing.
Das berühmte „we can always tell“ geht außerdem regelmäßig dort schief, wo gender-nonkonforme cis Frauen aufgrund ihres Gesichts, ihrer Statur, ihrer Stimme oder ihres Kleidungsstils für trans gehalten werden. Genau deshalb ist diese vermeintliche Fähigkeit, Geschlecht zuverlässig „sehen“ zu können, nicht nur für trans Frauen ein Problem. Sie trifft letztlich jede Frau, die nicht exakt in das jeweilige Bild davon passt, wie eine Frau auszusehen habe.
Und vielleicht ist genau das der deutlichste Hinweis darauf, wie wenig objektiv diese angeblich so eindeutigen Kategorien in der Praxis sind.
Blümchenkleid und Fotzenrap schließen sich nicht aus
Ich bin übrigens nicht rund um die Uhr Pretty Princess Anna™. Manchmal trage ich ein Blümchenkleid, Make-up und frisch gestylte Locken. Manchmal sitze ich ungeschminkt im Hoodie im Homeoffice. Manchmal höre ich Fotzenrap und manchmal etwas vollkommen anderes. Ich arbeite als Softwareentwicklerin, führe seit vielen Jahren eine glückliche Beziehung und habe ein ziemlich normales Leben.
Mein Musikgeschmack ist keine Personenbeschreibung und mein Wortschatz keine Charakterdiagnose.
Ich kann feminin sein und derbe Sprache mögen. Ich kann süß aussehen und rotzfrech sein. Ich kann mich elegant anziehen und trotzdem „Fotze“ sagen. Ich kann Turnschuhe zum Kleid tragen, wenn ich darin bequem durch die Gegend laufen möchte. Und niemand muss meine Handtasche passend genug finden.
Dass manche Menschen diese Kombinationen irritieren, sagt sehr viel über ihre Vorstellung von Frauen aus und erstaunlich wenig über mich.
Vielleicht ist genau das der Kern der ganzen Diskussion. Es geht längst nicht mehr um ein einzelnes Wort. Es geht um die Erwartung, dass Weiblichkeit an bestimmte Formen von Sprache, Kleidung, Auftreten und Verhalten gekoppelt sein müsse. Sobald eine Frau diesen Rahmen verlässt, wird ihr Stil, Klasse oder Weiblichkeit abgesprochen. Bei einer trans Frau bekommt dieses alte Muster lediglich noch eine zusätzliche Waffe.
Auf dem Beitragsfoto halte ich mir deshalb übrigens den Finger an den Mund. Fast so, als müsste ich mich jetzt besser benehmen.
Keine Sorge.
Ich brauche dafür keine Erlaubnis.
Ich kann Blümchenkleid und Fotzenrap. Pretty Princess Anna™ und rotzfrech.
Und jetzt alle zusammen:
Fotzenrap.
War gar nicht so schlimm.
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