Anna Görlitz und ihr Eheenby sitzen gemeinsam im Zug auf dem Weg nach Bad Wörishofen.
Der Plan war eigentlich ein entspannter Geburtstagsausflug in die Therme Bad Wörishofen.

Ich wollte an meinem Geburtstag einfach nur entspannt in die Therme

· 16 Min. Lesezeit · Anna Görlitz

Eigentlich war der Plan ziemlich überschaubar: Mein Enby und ich hatten beide Urlaub bekommen, ich hatte Geburtstag, und wir wollten uns einen gemütlichen Tag in der Therme Bad Wörishofen machen. Kein großes Programm, kein Stress, einfach ausschlafen – beziehungsweise für die Verhältnisse meines Enbys ausschlafen –, in Ruhe fertig machen, zum Bahnhof schlendern, unterwegs Kaffee und irgendwas vom Bäcker holen und dann Richtung Therme fahren.

Später wollte ich ein paar schöne Fotos machen und daraus einen netten Facebookpost basteln.

Nun ja.

Der Facebookpost ist unterwegs etwas eskaliert. Deshalb gibt es jetzt einen Blogpost.

TL;DR: Ich wollte an meinem Geburtstag gemütlich in die Therme fahren. Stattdessen wurde ich zu spät geweckt, ein LKW legte unsere Tram lahm, wir rannten zum Hauptbahnhof und stiegen um 7:46 Uhr in einen Zug mit planmäßiger Abfahrt um 7:45 Uhr. In Buchloe lag Gleis 3 natürlich nicht dort, wo ich es erwartet hatte, und zwei Bäcker-Missionen blieben erfolglos, in Türkheim war der Anschluss weg, und auf der Rückfahrt kamen noch Notarzteinsatz, Streckensperrung, Umwege und eine Heizung bei 24 Grad Außentemperatur dazu. Dazwischen saß ich als trans Frau nackt in gemischten Saunen, ging mehrfach aufs Damenklo, schwamm im Badeanzug durch die Therme – und es geschah das Unfassbare: nichts. Immerhin gab es Mangoweizen, Bananenweizen, Weißwürste, mehrere Aufgüsse, viel Nähe und am Ende einen Döner.

Um 6:34 Uhr war mein gemütlicher Morgen bereits Geschichte

Mein Enby hatte sich am Vorabend sogar selbst darum gekümmert, den Wecker zu stellen. Sechs Uhr war für es geradezu luxuriös, weil es wegen seiner Arbeit sonst zu Uhrzeiten aufsteht, bei denen normale Menschen noch darüber diskutieren würden, ob das überhaupt schon Morgen ist. Sinngemäß war die Haltung also: „Da kann ich ja ausschlafen.“

Ich hatte beim Abendessen trotzdem noch einmal nachgefragt, ob der Wecker wirklich gestellt sei. War er, also alles gut.

Das Problem war nur, dass der Wecker am nächsten Morgen vor allem aus der Apple Watch meines Enbys bestand, die an seinem Handgelenk vibrierte. Und mein Enby ist ein klassisches „noch fünf Minuten“-Enby. Es bekam also durchaus mit, dass es Zeit zum Aufstehen war, blieb aber erstmal liegen und weckte mich nicht.

Als ich irgendwann selbst auf die Uhr schaute, war es 6:34 Uhr.

Ich fragte, ob der Wecker geklingelt beziehungsweise die Watch vibriert habe. Ja, hatte sie.

Damit war meine Laune ziemlich eindeutig definiert.

Mir ging es dabei gar nicht darum, dass das Enby selbst noch ein paar Minuten liegen bleiben wollte. Soll es. Aber dann hätte es mich wenigstens wecken können. Mein Morgen bestand schließlich nicht nur daraus, irgendeine Hose anzuziehen und aus der Wohnung zu fallen. Ich wollte meine Hormone nehmen, zur Toilette, mich rasieren, mein Gesicht eincremen und mich eigentlich noch leicht schminken. Mein Estradiol nehme ich transdermal, also wollte ich dafür ebenfalls ein bisschen Zeit haben, damit es vernünftig einziehen kann.

Aus „gemütlich fertig machen“ wurde damit innerhalb weniger Minuten „nur noch das Nötigste“. Das Make-up strich ich komplett. Hormone, Bad, Rasieren, Creme – mehr war zeitlich nicht mehr drin.

Während ich versuchte, irgendwie wieder in meinen Plan hineinzukommen, machte sich das Enby noch einen Kaffee und packte seine Sachen. Und genau da war endgültig klar: Der Teil des Morgens, auf den ich mich eigentlich gefreut hatte – in Ruhe losgehen, beim Bäcker Kaffee und irgendein Teilchen holen und entspannt zum Bahnhof fahren – war erledigt, bevor wir überhaupt die Wohnung verlassen hatten.

Dann steckte ein LKW im Pferseer Tunnel

Als wir an der Tramhaltestelle ankamen, sah es für einen kurzen Moment so aus, als würde sich der Morgen doch noch fangen. Die nächste Tram sollte in einer Minute kommen, wir stiegen ein, und ich dachte tatsächlich: Gut, jetzt läuft es.

Tat es natürlich nicht.

Die Tram blieb stehen, und kurz darauf erklärte der Fahrer über die Lautsprecher, dass im Pferseer Tunnel ein LKW feststecke. Dort gibt es eine ziemlich eindeutige Höhenbeschränkung, die auch nicht gerade dezent ausgeschildert ist. Trotzdem schafft es offenbar immer wieder jemand, mit einem zu hohen Fahrzeug hineinzufahren.

Für uns bedeutete das: raus aus der Tram und zu Fuß weiter. Aus „zu Fuß“ wurde ziemlich schnell „rennen“, denn unser Zug sollte um 7:45 Uhr am Augsburger Hauptbahnhof abfahren. Von meinem gemütlichen Geburtstagsmorgen war inzwischen wirklich nichts mehr übrig. Statt Kaffee und Teilchen beim Bäcker rannte ich verschwitzt und außer Atem Richtung Bahnhof und hoffte nur noch, dass der Zug vielleicht ein paar Minuten Verspätung hatte.

Wir stiegen um 7:46 Uhr ein.

Der Zug hatte planmäßig um 7:45 Uhr abfahren sollen und setzte sich tatsächlich erst um 7:48 Uhr in Bewegung. Selten habe ich mich so sehr über drei Minuten Verspätung gefreut.

Wäre der Zug weg gewesen, hätten wir ungefähr eine Stunde auf den nächsten warten müssen. In meiner damaligen Stimmung wäre das vermutlich der Moment gewesen, an dem ich einfach wieder nach Hause gefahren wäre.

Im Zug selbst gab es dann noch eine kleine Begegnung, bei der ich bis heute nicht genau weiß, was eigentlich das Problem war. Es waren reichlich Plätze frei, ich war nach der Rennerei komplett außer Atem und setzte mich einfach auf den nächsten freien Sitz. Auf der anderen Gangseite saß ein Mann, der uns irgendwann aufforderte, nach vorne zu gehen, weil dort „so viel Platz“ sei.

Ich hatte ihm beim ersten Mal kaum zugehört, weil ich noch damit beschäftigt war, wieder normal zu atmen. Also sagte er es noch einmal.

Nur: Hier war ebenfalls Platz. Wir saßen niemandem im Weg, nichts war reserviert, und ich hatte keinerlei Bedürfnis, nach meinem Sprint durch Augsburg noch einmal durchs Abteil zu wandern, nur weil ein fremder Mann das offenbar für sinnvoll hielt.

Wir blieben sitzen. Er ging irgendwann.

Menschen sind manchmal rätselhaft.

Willkommen in Buchloe – also Buchlohe

In Buchloe kamen wir auf Gleis 4 an, und unser Anschluss sollte von Gleis 3 fahren. Ich kombinierte zunächst völlig selbstverständlich, dass Gleis 3 und 4 einfach die beiden Seiten desselben Bahnsteigs seien. Also setzte ich mich erstmal gemütlich hin und schickte das Enby auf Bäcker-Mission. Schließlich war der morgendliche Kaffee mit Gebäck komplett ausgefallen.

Das Enby kam zurück und meldete: kein Bäcker.

Dann stellte sich heraus, dass meine Bahnsteiglogik zwar hübsch, aber falsch war. Wir saßen zwischen Gleis 4 und 5, Gleis 3 lag an einem anderen Bahnsteig. Also wieder alles einpacken, rüberlaufen und dort erneut hinsetzen.

Das Enby bekam eine zweite Chance auf seiner Bäcker-Mission.

Auch die zweite Mission blieb erfolglos.

Zwei Bäcker-Missionen, null Bäcker.

Immerhin lernte ich nebenbei noch etwas für die Allgemeinbildung: Buchloe spricht man ungefähr „Buchlohe“ aus und nicht „Buchlö“. Falls das bisher jemand falsch gemacht hat, kann der Geburtstag wenigstens als Bildungsreise gelten.

Anna Görlitz sitzt am Bahnhof Buchloe vor einem BRB-Zug
Kurze Zwangspause in Buchloe auf dem Weg nach Bad Wörishofen.

Fünf Minuten Umstieg in Türkheim

Von Buchloe ging es weiter nach Türkheim, wo wir nur fünf Minuten für den nächsten Umstieg hatten. An dieser Stelle kann ich auch gleich noch ein weiteres völlig unnützes Stück Wissen unterbringen: Der Name Türkheim hat wohl ursprünglich nichts mit Türken zu tun, sondern eher mit Thüringern beziehungsweise einem „Thüringerheim“.

In diesem Moment interessierte mich allerdings weder die eine noch die andere Volksgruppe sonderlich. Ich wollte einfach meinen Zug nach Bad Wörishofen erreichen.

Dann stand unser Zug aber erstmal.

Ich wurde langsam wieder nervös und hoffte darauf, dass der kurze Anschluss Richtung Bad Wörishofen vielleicht ohnehin auf uns warten würde. Schließlich handelt es sich dort im Grunde um einen kleinen Streckenast, der in Bad Wörishofen endet.

Nach kurzer Zeit kam allerdings die Erklärung für unsere Verzögerung: Unser Zug wartete auf seinen zweiten Zugteil, der noch angekuppelt wurde. Es war also keine Störung, sondern schlicht betrieblicher Ablauf.

Nur half uns diese Erkenntnis nicht besonders viel. Als wir in Türkheim ankamen, war unser Anschluss bereits weg und wir durften noch einmal ungefähr eine halbe Stunde warten.

Genau da kam mein Ärger vom Morgen wieder hoch. Nicht, weil eine halbe Stunde auf einem Bahnsteig objektiv eine Katastrophe wäre, sondern weil genau für solche Dinge mein ursprünglicher Zeitpuffer gedacht gewesen war. Ich hatte nicht vorgehabt, an meinem Geburtstag jede einzelne Verbindung auf Kante zu fahren.

Bad Wörishofen. Endlich.

Irgendwann schafften wir es dann tatsächlich nach Bad Wörishofen. Dort gab es endlich etwas zu essen: für mich einen Hummus-Feta-Fladen und für uns beide Kaffee.

Das allein verbesserte meine Stimmung schon erheblich.

Anna Görlitz mit Kaffeebecher am Bahnhof Bad Wörishofen, im Hintergrund ihr Enby mit Gepäck
Endlich Kaffee: kurze Pause am Bahnhof Bad Wörishofen vor der Fahrt zur Therme.

Vom Bahnhof nahmen wir ein Taxi zur Therme. Dort angekommen musste das Enby natürlich noch rauchen. Ich gebe zu, dass ich in diesem Moment kurz wieder innerlich explodierte. Es hätte beim Kaffee rauchen können, während wir ohnehin noch am Bahnhof waren. Aber nein, geraucht wurde jetzt, direkt vor der Therme.

Dann schaute ich auf die Uhr.

Es war ziemlich genau zehn.

Die Therme machte gerade erst auf.

Ich stand also dort, genervt von einem Menschen, den ich sehr liebe, und musste mir eingestehen, dass wir trotz des gesamten Chaos exakt zur Öffnung angekommen waren.

Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, mich etwas zu entspannen.

Ich hab meinen persönlichen Bremsklotz ja lieb.

Und jetzt kommt der Teil, bei dem manche offenbar Sodom und Gomorrha erwarten

In der Therme selbst gibt es keine klassische Trennung in eine große Damen- und Herren-Sammelumkleide. Es gibt einzelne Kabinen und zusätzlich gemeinsame Umkleidebereiche. Viele Menschen ziehen sich dort ganz selbstverständlich um, was auch deshalb wenig spektakulär ist, weil man anschließend ohnehin in den textilfreien Saunabereich geht.

Wir zogen uns also um, schlüpften in unsere Bademäntel und verstauten unsere Sachen.

Anna Görlitz und ihr Enby im Bademantel in der Therme Bad Wörishofen
Endlich angekommen: im Bademantel vor dem ersten Aufguss in der Therme Bad Wörishofen.

An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Realitätsabgleich, weil manche Menschen im Internet bei der Kombination aus „trans Frau“, „Therme“ und „textilfrei“ offenbar sofort sehr lebhafte Fantasien entwickeln.

Die Realität war deutlich langweiliger.

Ich war dort einfach eine Gästin.

Nicht „die trans Frau“. Nicht irgendein gesellschaftspolitischer Konflikt auf zwei Beinen. Nicht der Untergang westlicher Zivilisation.

Einfach eine Frau im Bademantel, die Geburtstag hatte und inzwischen dringend in eine Sauna wollte.

Der erste Aufguss – und langsam wurde es doch noch mein Geburtstag

Unser erster Plan war eigentlich die Poolbar. Dort hing allerdings ein Schild, nach dem sie erst um 11 Uhr öffnen sollte. Also schauten wir stattdessen nach dem nächsten Aufguss und fanden um 10:30 Uhr einen in der Kelosauna.

In der Kelosauna warteten 85 Grad, drei Runden und Düfte nach Zitronella, Orange und Zirbel auf uns.

Nach der letzten Runde war ich ordentlich erhitzt und ging erst unter die kalte Dusche und danach kurz ins Eisbad. Genau das war ungefähr der Moment, an dem der Stress vom Morgen langsam aus meinem Körper verschwand.

Ich saß dort mit anderen Menschen in einer gemischten, textilfreien Sauna. Männer, Frauen, unterschiedliche Altersgruppen, unterschiedliche Körper. Ich mittendrin.

Und es passierte nichts.

Niemand starrte mich an. Niemand tuschelte. Niemand machte irgendeine Bemerkung. Niemand interessierte sich dafür, ob mein Körper irgendeiner fremden Vorstellung davon entsprach, wie eine Frau auszusehen habe.

#NichtsPassiert

Anna Görlitz schwitzt nach dem Aufguss im blauen Bademantel in der Therme Bad Wörishofen
Nach 85 Grad, drei Aufgussrunden, kalter Dusche und Eisbad war mir die Hitze noch deutlich anzusehen.

Danach gingen wir erneut zur Poolbar und stellten fest, dass sie doch schon um 10:45 Uhr geöffnet hatte. Für mich gab es Mangoweizen, für das Enby Bananenweizen.

Natürlich Bananenweizen.

Ich vermute ja bis heute, dass der Bananenmangel der DDR irgendwann eine dauerhafte Bananen-FOMO im Enby hinterlassen hat.

Wir saßen dort mit unseren Fruchtweizen, und spätestens da merkte ich: Jetzt war es doch der Geburtstag geworden, den ich eigentlich haben wollte.

Wir ließen uns später durch den Pool treiben, saßen auf den blubbernden Whirlpoolbänken und gingen in den Champagnerpool. Wir berührten uns, kuschelten und gaben uns kleine Küsse. Andere Paare turtelten genauso miteinander. Sex ist in der Therme verboten und stand ohnehin nicht auf unserem Programm.

Wir waren schlicht ein Paar, das gemeinsam einen schönen Tag hatte.

Auch das sorgte für keinerlei Aufsehen.

Menschen haben Körper. Und die meisten sehen nicht aus wie Werbung.

Textilfreie Sauna ist übrigens ein ziemlich wirkungsvolles Mittel gegen absurde Körpernormen.

Wer sich dort eine Weile umsieht, merkt sehr schnell, dass reale Menschen eben nicht aussehen wie retuschierte Unterwäschewerbung. Es gibt große und kleine Körper, dicke und dünne, straffe und weiche, behaarte und unbehaarte. Narben, Bäuche, unterschiedliche Brüste, unterschiedliche Genitalien, operierte und nicht operierte Körper.

Manche Frauen haben mehr Bauch als Brust, andere mehr Brust als Bauch. Manche Männer haben Waschbrettbäuche, die meisten eher nicht.

Und erstaunlicherweise funktioniert die Gesellschaft trotzdem.

Niemand läuft durch eine Sauna und führt Buch darüber, ob jeder Körper irgendwelchen Idealmaßen entspricht. Die meisten Menschen beschäftigen sich vor allem mit sich selbst, ihrem Handtuch, ihrem Getränk oder der Frage, wann der nächste Aufguss beginnt.

Ich ging an diesem Tag auch mehrfach aufs Frauenklo.

Wo sonst?

Auch dort: kein Blick, kein Kommentar, kein Zwischenfall.

Was eine gewisse Ironie hat, denn das letzte Mal, als ich tatsächlich auf einem Herrenklo war, wurde mein Enby darauf angesprochen, was „die Frau da drin“ denn wolle.

Die Realität ist manchmal erheblich klarer als die Debatten im Internet.

Kaffee wollten wir. Eis bekamen wir.

Irgendwann wollten wir eigentlich einfach nur einen Kaffee trinken. Dann entdeckte ich auf der Karte allerdings die „Espressoküsschen mit Vanilleeis“, und damit war der ursprüngliche Plan praktisch sofort erledigt. Also bestellten wir zwei davon und warteten.

Und warteten noch ein bisschen länger.

Irgendwann kam die Erklärung: Die Sahnemaschine war kaputt. Da die Espressoküsschen bereits bezahlt waren, wir inzwischen ziemlich lange darauf gewartet hatten und nun auch noch die Sahne fehlte, bekamen wir als Ausgleich einfach doppelt so viel Eis. Damit konnte ich sehr gut leben.

Überhaupt entwickelte dieser Geburtstag langsam sein eigenes Prinzip: Fast nichts lief exakt so, wie wir es geplant hatten, aber erstaunlich oft kam am Ende trotzdem etwas Brauchbares dabei heraus.

Alpenkräuter, Fahnen und sehr viel heiße Luft

Um 13 Uhr gingen wir zum nächsten Aufguss ins Blockhaus, die größte Sauna im Außenbereich. Dort waren es 80 Grad, und auf dem Programm stand eine doppelte Runde mit Alpenkräutern. Das war ohnehin schon ordentlich warm, aber richtig intensiv wurde es erst, als die Saunameister begannen, mit großen Fahnen die heiße Luft durch den Raum zu bewegen.

Wer so etwas noch nie erlebt hat, unterschätzt vermutlich, wie groß der Unterschied zwischen „80 Grad warme Luft“ und „80 Grad warme Luft wird mit Nachdruck direkt auf deinen Körper gefächert“ sein kann. Spätestens da war klar, warum wir uns danach erstmal draußen hinsetzen und abkühlen mussten.

Anschließend wechselten wir in den normalen Textilbereich. Im Übergang zogen wir unsere Badeanzüge an und gingen noch etwas schwimmen. Und auch dort trat wieder dieser erstaunlich unspektakuläre Normalzustand ein: Ich lief als trans Frau im Badeanzug durch die Therme, und niemand machte daraus irgendein Ereignis.

Weißwürste, Pommes und Wellnessprogramm

Irgendwann bekamen wir Hunger. Das Enby entschied sich für Pommes und Weißbier, ich nahm Weißwürste mit dunklem Weißbier. Danach gönnte ich mir noch eine Quark-Honig-Gesichtsmaske – wenn schon Thermentag, dann richtig.

Anschließend gingen wir noch durch die drei Mineralbecken mit Selen, Schwefel und Jod, bevor wir wieder zurück in den textilfreien Saunabereich wechselten. Dort saß ich erneut nackt zwischen anderen nackten Menschen, und weiterhin interessierte sich niemand für meinen Körper oder dafür, ob er irgendeiner fremden Vorstellung von Weiblichkeit entsprach.

Langsam wurde das fast schon komisch, wenn man bedenkt, welche dramatischen Zustände manche Menschen online bei solchen Situationen offenbar erwarten.

Ein letzter Aufguss und dann langsam Richtung Heimat

Später gab es an der Bar für mich noch ein Kellerbier und für das Enby ein alkoholfreies Weizen. Danach nahmen wir noch einen letzten Aufguss in der Römersauna mit. Mit 65 Grad war sie im Vergleich zum Blockhaus beinahe gemütlich, und diesmal roch der Aufguss nach Wildbeere, Akazie und Zitrone.

Danach ließen wir den Tag langsam auslaufen, duschten und machten uns gegen 16:50 Uhr auf den Weg nach draußen. Am Ausgang gab es wie immer noch einen Traubenzucker.

Damit lagen fast sieben Stunden Therme hinter uns: Sauna, Pools, Essen, Bier, Gesichtsmaske, kleine Küsse und viel Nähe. In dieser ganzen Zeit war ich mehrfach auf dem Damenklo, in gemischten Saunen, im textilfreien Bereich und im Badeanzug unterwegs gewesen.

Und was war passiert?

Eigentlich nichts. Kein Zwischenfall, kein blöder Kommentar, nicht einmal bemerkenswertes Starren.

Die Bahn hatte allerdings noch nicht genug von uns

Auf dem Weg zum Bahnhof Bad Wörishofen dachten wir noch, der chaotische Teil des Tages liege inzwischen hinter uns. Das war optimistisch.

Am Bahnhof erfuhren wir, dass wegen eines Notarzteinsatzes auf der Strecke einiges durcheinandergeraten war. Unser Zug sollte zunächst nur bis Buchloe fahren, danach kursierten verschiedene Möglichkeiten: Schienenersatzverkehr Richtung Bobingen, eine Verbindung Richtung München oder irgendwo in Kaufering wieder umsteigen. Hauptsache irgendwie zurück nach Augsburg.

Schließlich saßen wir im Zug Richtung München. Der sollte um 17:55 Uhr losfahren, setzte sich aber erst um 18:12 Uhr in Bewegung. Zunächst hieß es noch, wir sollten bis Geltendorf fahren und dort Richtung Augsburg umsteigen. Kurz darauf änderte sich der Plan erneut, und plötzlich mussten wir schon in Kaufering raus.

Dort warteten wir wieder. Unser nächster Zug sollte um 19:06 Uhr fahren, also standen noch einmal ungefähr drei Viertelstunden herum. Irgendwann konnten wir immerhin schon einsteigen, nur losfahren konnten wir trotzdem nicht, weil wegen der Streckensperrung ein anderer Zug über unser Gleis umgeleitet wurde.

Aus 19:06 Uhr wurde ungefähr 19:18 Uhr.

Und während wir dort saßen, bemerkte ich irgendwann, dass in unserem Zug tatsächlich die Heizung lief.

Draußen hatte es 24 Grad.

Wir kamen aus einer Therme, in der wir den halben Tag freiwillig zwischen 65 und 85 Grad verbracht hatten, und saßen nun auf der Rückfahrt in einem beheizten Zug.

Es hätte zu diesem Geburtstag kaum besser passen können.

Döner, Sofa, Schluss

Irgendwann erreichten wir tatsächlich Augsburg. Vom Hauptbahnhof liefen wir nach Hause, und ich nahm mir unterwegs noch einen Döner mit.

Damit war mein Geburtstag dann endgültig vorbei.

Eigentlich hatte ich nur mit meinem Enby einen entspannten Tag in der Therme verbringen wollen. Wir hatten beide Urlaub, ich wollte morgens gemütlich meine Hormone nehmen, mich fertig machen, irgendwo einen Kaffee holen und später einen netten Facebookpost mit ein paar Bildern schreiben.

Stattdessen bekam ich einen verschlafenen Weckdienst, einen LKW im Pferseer Tunnel, einen Sprint zum Hauptbahnhof, zwei erfolglose Bäcker-Missionen, einen verpassten Anschluss, einen Notarzteinsatz, eine Streckensperrung, mehrere spontane Umstiegspläne und zum Abschluss eine Zugheizung bei 24 Grad.

Dazwischen lagen allerdings fast sieben Stunden Therme, mehrere Aufgüsse, Mangoweizen, Bananenweizen, Weißwürste, Eis, Blubberwasser, kleine Küsse und sehr viel Nähe mit meinem Enby.

Und wieder einmal zeigte sich etwas, das außerhalb des Internets offenbar sehr viel weniger kompliziert ist als darin:

Eine trans Frau kann in eine Therme gehen. Sie kann in einer gemischten Sauna sitzen, sich im textilfreien Bereich bewegen, auf das Frauenklo gehen und im Badeanzug schwimmen.

Und dann passiert etwas wirklich Außergewöhnliches.

Nichts.

Menschen sind Menschen. Körper sind verschieden. Und die allermeisten wollen in einer Therme vor allem dasselbe: ihre Ruhe haben, schwitzen, schwimmen, entspannen und einen schönen Tag verbringen.

Genau den hatten wir am Ende auch.

#NichtsPassiert

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Ein Kommentar zu “Ich wollte an meinem Geburtstag einfach nur entspannt in die Therme”

  1. Der absolute Horror: eine Frau geht auf die Damentoilette. Trans*frau, Therme, textilfrei. Da geht bei – ich behaupte überwiegend Männern – das Kopfkino an. Und da denken einige an das Eine und andere an den Weltuntergang. Aber so sind sie halt und wir werden sie nicht ändern. Das wollen wir auch gar nicht. Wir wollen unser Leben natürlich leben. Abgesehen vom ÖPNV und unterschiedlichen Auffassungen von Zeitplänen klingt das für mich nach einem gelungenen Geburtstag. Das bleibt sicherlich bei euch in Erinnerung. Gratulation!

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