2015 – Für Anna war keine Zeit mehr
Ende 2014 hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass unser Leben im Großen und Ganzen funktionierte. Wir waren verheiratet, hatten unsere Wohnung in Augsburg, Sandy arbeitete teilweise bei mir und ich verdiente mein Geld inzwischen als Softwareentwicklerin mit meiner eigenen Firma. Anna war zwar immer weiter in den Hintergrund gerückt, aber damals erschien mir das nicht wie das dringendste Problem meines Lebens. Es gab Arbeit, Verantwortung und einen Alltag, der organisiert werden musste, und irgendwie hatte ich mich daran gewöhnt, dass Anna warten konnte.
Wie schnell sich die Reihenfolge dessen ändern kann, was gerade wichtig ist, lernte ich gleich zu Beginn des neuen Jahres.
Meine Eltern waren Anfang Januar beide krank. Es war nichts, bei dem ich zunächst davon ausgegangen wäre, dass unser Leben wenige Tage später ein anderes sein würde. An einem Wochenende Mitte Januar klingelte morgens mein Telefon. Meine Mutter war dran und sagte einfach:
„Dein Papa ist tot.“
Mehr braucht es eigentlich nicht, um sich an einen solchen Moment zu erinnern.
Plötzlich musste einfach alles erledigt werden
Meine Mutter war selbst noch krank, mein Bruder arbeitete als Altenpfleger und konnte nicht einfach alles stehen und liegen lassen, und ich war als Selbstständige von uns allen am flexibelsten. Das bedeutete natürlich nicht, dass ich keine Arbeit hatte, aber zumindest konnte ich sie verschieben. Also hing ich bei conlance sinngemäß einen Zettel hin, dass ich erst einmal nicht da war, und kümmerte mich um all den Mist, von dem man vorher überhaupt nicht weiß, dass er auf einen zukommt, wenn ein Mensch stirbt.
Es mussten Dinge mit der Rente geklärt werden, eine Todesanzeige organisiert, die Bestattung besprochen, Unterlagen zusammengesucht und Telefonate geführt werden. Plötzlich sollte man Entscheidungen treffen über Dinge, mit denen man sich wenige Tage vorher noch überhaupt nicht beschäftigt hatte. Als es meiner Mutter wieder besser ging, übernahm natürlich auch sie wieder einiges, aber gerade in den ersten Tagen lag vieles bei mir, weil ich eben diejenige war, die Zeit freischaufeln konnte.
Meine Mutter wollte eine Feuerbestattung. Damals war ich davon eher skeptisch, aber es war ihr Wunsch und deshalb wurde es so gemacht. Heute sehe ich das übrigens völlig anders und würde mich für mich selbst wahrscheinlich ebenfalls dafür entscheiden. Manche Einstellungen verändern sich über die Jahre einfach, ohne dass es dafür einen einzelnen großen Moment braucht.
Was mir aus dieser Zeit vor allem geblieben ist, ist dieses merkwürdige Nebeneinander von Trauer und Organisation. Man kann gerade seinen Vater verloren haben und trotzdem irgendwo anrufen müssen, weil noch eine Frage zur Bestattung offen ist. Man kann völlig neben sich stehen und gleichzeitig eine Todesanzeige formulieren. Das Leben hält nicht respektvoll für ein paar Wochen an, nur weil gerade etwas passiert ist, das eigentlich alles verändern müsste.
Irgendwann sind die Formulare ausgefüllt, die Telefonate geführt und die Dinge organisiert. Nur der Mensch ist immer noch tot.
Danach ging es einfach weiter
Beruflich lief zu dieser Zeit noch mein Projekt für The Mobility House. Ende 2014 war ich dort wieder als externe Entwicklerin eingestiegen und arbeitete an einer Anwendung für das Flottengeschäft mit Wallboxen. Dieses Projekt sollte im März auslaufen, also ging ich irgendwann auch wieder arbeiten.
Ich weiß nicht einmal, ob ich mir damals ernsthaft die Frage gestellt habe, ob ich den Tod meines Vaters schon verarbeitet hatte. Wahrscheinlich nicht. Ich hatte eine Firma, einen Auftrag und Rechnungen, die bezahlt werden mussten, und natürlich gab es auch noch Sandy und unser gemeinsames Leben. Es war ohnehin ein Muster, das sich in diesen Jahren immer stärker durch mein Leben zog: Wenn etwas passierte, kümmerte ich mich darum. Danach kam das Nächste.
Für Anna war schon vorher immer weniger Platz gewesen. Jetzt gab es erst recht keinen Grund, sich mit ihr zu beschäftigen.
Nur wenige Wochen nach dem Tod meines Vaters kam dann der nächste Einschnitt.
Im März ging es plötzlich um Sandy
Sandy versuchte, sich das Leben zu nehmen.
Schon vor unserer Hochzeit war es ihr psychisch zeitweise sehr schlecht gegangen. Damals hatte ich sie auf ihren eigenen Wunsch ins Bezirkskrankenhaus Augsburg gefahren und lange nicht gewusst, ob unsere Hochzeit überhaupt stattfinden würde. 2015 war die Situation noch einmal eine andere. Diesmal ging es nicht mehr darum, dass jemand mit einer Situation nicht zurechtkam oder eine Auszeit brauchte. Plötzlich stand die Frage im Raum, ob der Mensch, den ich liebte und gerade einmal anderthalb Jahre zuvor geheiratet hatte, überhaupt noch leben wollte.
Sandy kam wieder in psychiatrische Behandlung, und für mich begann erneut dieses Funktionieren, das ich inzwischen ziemlich gut beherrschte. Im Rückblick klingt das vielleicht erstaunlich nüchtern, aber genau so erinnere ich mich an diese Zeit. Ich hatte gar nicht die Möglichkeit, erst den Tod meines Vaters zu verarbeiten, danach in Ruhe mit Sandys Situation umzugehen und mich anschließend einmal zu fragen, wie es mir selbst eigentlich ging. Alles lag übereinander.
Mein Vater war gerade gestorben, Sandy war psychisch am Boden, meine Firma musste weiterlaufen und Ende März lief auch mein Projekt bei The Mobility House aus. Es gab keinen Punkt, an dem das Leben sagte: Jetzt hast du genug gehabt, wir machen erst einmal ein paar Monate Pause.
Stattdessen begann im April das nächste Projekt.
Von Augsburg nach Berlin
Mein Kunde war die ckc group, der Endkunde waren die Berliner Flughäfen. Ich entwickelte dort an einer Workflow-Software, machte Code Reviews, arbeitete mit anderen Entwicklerinnen und Entwicklern zusammen und war für das Projekt immer wieder zwischen Augsburg und Berlin unterwegs.
Wenn ich mir diese zeitliche Abfolge heute anschaue, finde ich sie selbst ziemlich absurd. Im Januar war mein Vater gestorben, im März hatte Sandy versucht, sich das Leben zu nehmen, und im April saß ich bereits in Berlin in einem neuen Softwareprojekt. Damals erschien mir das wahrscheinlich nicht einmal besonders bemerkenswert. Der Auftrag war da, meine Firma musste Geld verdienen und ich konnte arbeiten, also fuhr ich nach Berlin.

Vielleicht war die Arbeit in dieser Zeit sogar der einfachere Teil meines Lebens. Software hat Regeln. Wenn etwas nicht funktioniert, kann man nach dem Fehler suchen, Logs lesen, Tests schreiben, Dinge ausprobieren und sich Schritt für Schritt an eine Lösung herantasten. Irgendwann findet man meistens heraus, warum etwas kaputt ist.
Bei Menschen funktioniert das nicht so.
Ich konnte meinen Vater nicht zurückholen, und ich konnte Sandy nicht einfach reparieren. Aber ich konnte Software entwickeln, Probleme lösen und am Ende eines Arbeitstages zumindest sehen, was ich geschafft hatte.
Das Berliner Projekt lief bis in den Herbst. Danach ging es beruflich praktisch direkt weiter. Ab Oktober arbeitete ich für eine Digitalagentur in Bonn an einem Projekt für die Deutsche Telekom. Ein erheblicher Teil meines Lebens bestand damit aus Arbeit, Projekten und Reisen zwischen Augsburg, Berlin und Bonn, während im Hintergrund meine eigene Firma weiterlief und natürlich auch mein privates Leben nicht einfach verschwunden war.
Auf dem Papier entwickelte sich meine Karriere in dieser Zeit sogar ziemlich gut. Ich war längst nicht mehr die Quereinsteigerin, die ein paar Jahre zuvor begonnen hatte, sich Ruby on Rails beizubringen. Inzwischen arbeitete ich in größeren Projekten, übernahm Verantwortung und konnte von meiner Arbeit leben. Von außen sah das durchaus nach Erfolg aus.
Nur bedeutet Erfolg eben nicht automatisch, dass es einem gut geht.
Für Anna war keine Zeit mehr
Anna war 2015 praktisch kein Thema.
Nicht, weil ich plötzlich aufgehört hätte, trans zu sein. Nicht, weil dieses Gefühl verschwunden wäre und auch nicht, weil ich mich bewusst gegen sie entschieden hätte. Es gab schlicht immer etwas, das gerade wichtiger erschien.
Nach dem Tod meines Vaters hatte ich andere Dinge im Kopf. Nach Sandys Suizidversuch sowieso. Danach musste Geld verdient werden, und ich war ständig für irgendwelche Projekte unterwegs. Der Alltag verlangte genug von mir, ohne dass ich mich zusätzlich noch mit der Frage beschäftigen wollte, was eigentlich aus Anna geworden war.
In München hatte ich mir noch bewusst Räume für sie geschaffen. Ich hatte meine Kleidung, meine langen Haare, meine Nägel, meine Abende und Wochenenden, an denen ich einfach Anna sein konnte. In Augsburg war das schon weniger geworden, und 2015 verschwand selbst dieser Rest immer mehr hinter allem anderen.

Es gab keinen großen Knall und keinen Tag, an dem ich beschlossen hätte, dass Anna ab jetzt nicht mehr existieren durfte. Genau das machte es wahrscheinlich so einfach. Ich musste sie gar nicht aktiv wegschieben. Ich musste nur immer wieder sagen: später.
Später, wenn es Sandy besser geht. Später, wenn das Projekt vorbei ist. Später, wenn in der Firma weniger los ist. Später, wenn ich mehr Zeit habe.
Nur kam dieses später nie.
Wenn man sich selbst lange genug immer wieder auf später verschiebt, gewöhnt man sich irgendwann daran, dass man selbst nicht besonders weit oben auf der eigenen Prioritätenliste steht.
Ein Jahr, das einfach weiterlief
Als 2015 zu Ende ging, hatte ich meinen Vater beerdigt, um Sandy gebangt und einen großen Teil des Jahres damit verbracht, zwischen Augsburg, Berlin und Bonn zu arbeiten. Trotzdem lief mein Leben nach außen weiter. Meine Firma existierte, ich hatte Aufträge, beruflich ging es voran und unsere Ehe hatte auch dieses Jahr überstanden.
Ich hatte funktioniert, und ich hatte sogar ziemlich gut funktioniert.
Damals sah ich darin vermutlich eher eine Stärke. Ich konnte Probleme lösen, Verantwortung übernehmen und weitermachen, egal was gerade passierte. Dass ich dabei selbst wieder ein Stück weiter verschwunden war, nahm ich kaum wahr.
Anna konnte schließlich warten.
Sie hatte schon so oft gewartet.
Dass ich wenige Jahre später glauben würde, sie endgültig begraben zu können, wusste ich damals noch nicht.
👉 Weiterlesen
2015 war das Jahr, in dem kaum noch etwas übrig blieb außer Funktionieren. Nach dem Tod meines Vaters, Sandys Suizidversuch und immer neuen beruflichen Projekten rückte Anna noch weiter in den Hintergrund.
→ Der Anfang von allem:
18. Mai 2005 – das erste Mal richtig ich
→ Wie es weiterging:
2005–2006 – Wochenend-Ich und Doppelleben
→ Der Weg dorthin:
Mannheim & Heidelberg 2007–2008 – Doppelleben
→ Ein Leben, das funktioniert hat:
München – ein Leben, das funktioniert hat
→ Der Wendepunkt:
München 2009 – Fernbeziehung und Wendepunkt
→ Zuhause:
München 2009–2010 – Als aus uns ein Zuhause wurde
→ Wie es sich angefühlt hat:
München 2009–2010 – Mein Weg als trans Frau
→ Nach dem Unfall:
Juni 2010 – mit Korsett zurück ins Leben
→ Zwischen Freiheit und Wirklichkeit:
2010–2012 – Zwischen Freiheit und Wirklichkeit
→ Der Umzug nach Augsburg:
Augsburg 2012–2013 – Ein Neuanfang mit Folgen
→ Hochzeit, Alltag und immer weniger Anna:
2013–2014 – Wir heirateten
→ Das Jahr, in dem nur noch Funktionieren blieb:
2015 – Für Anna war keine Zeit mehr
Am Ende des Jahres lief mein Leben nach außen weiter. Die Firma funktionierte, ich hatte Aufträge und arbeitete inzwischen in großen Softwareprojekten. Dass ich mich selbst dabei immer weiter aus dem Blick verlor, hielt ich noch für etwas, das ich irgendwann später wieder in Ordnung bringen könnte.
Dieses „später“ kam zunächst nicht.
👉 Im nächsten Teil:
2016–2017 – Ich dachte, das war’s
Arbeit, Reisen und Alltag wurden zum Dauerzustand. Anna verschwand immer mehr, bis ich irgendwann selbst glaubte, dass dieser Teil meines Lebens endgültig vorbei sei.
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